16 Juni, 2014

"Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, was Flüchtlinge tagtäglich erleben"

Cloud Making Machine heißt der neue Dokumentarfilm von Susanne Dzeik über das Tanz- und Theaterprojekt „Impulse“ in der Erstaufnahmeeinrichtung Berlin-Spandau. Der Film macht Flüchtlinge zu Akteuren. Derzeit sucht das Projekt nach Unterstützern auf startnext. Wir haben uns mit ihr, dem künstlerischen Leiter Ahmed Shah, sowie Portraitierten im Film - Mohammed Kello aus Syrien und Samee Ullah aus Pakistan - getroffen und über die gemeinsame Arbeit gesprochen.

Interview: Justine Donner

Foto © JugendtheaterBüro Berlin 


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Ahmed, als künstlerischer Leiter des JugendtheaterBüro Berlin bist Du regelmäßig im Bereich kultureller Bildung tätig: Wie schätzt Du die bisherigen kulturellen Bildungsprojekte ein, die mit Flüchtlingen arbeiten?

Ahmed: Erst einmal wünsche ich mir, dass die Politik im Allgemeinen ihre Flüchtlingspolitik ändert. Im Bereich der kulturellen Bildung gibt es derzeit zwar eine zunehmende Tendenz, sich selbst zu helfen, das ist aber vor allem der Selbstaktivität der Flüchtlinge und ihrer Unterstützer zu verdanken. Dadurch ist die Flüchtlingsthematik aber erst zu einer nationalen Debatte geworden. Derzeit gibt es auch weit mehr Solidarität als in den 1990ern Jahren. So gibt es viele lokale Projekte, die direkt auf Flüchtlinge zugehen und die Beziehung zu den Menschen in ihrer Umgebung ändern möchten. Gleichzeitig ist es gerade ein Trend in vielen kulturellen Einrichtungen, wie auch in den großen Theaterhäusern, Flüchtlinge in den Inszenierungen wie bloßes Material zu behandeln. Das halte ich für den falschen Ansatz.

War folglich die Motivation hinter „Impulse“, aus den Flüchtlingen Akteure zu machen, anstatt sie nur als Objekte einer aktuellen Debatte zu behandeln?

Ahmed: Das Projekt „Impulse“ basiert auf dem Ansatz, dass Flüchtlinge nicht einfach nur partizipieren, sondern sich selbst organisieren können. Konkret bedeutet das, dass sie am künstlerischen Schaffungsprozess beteiligt sind. Viele Flüchtlinge wollen nicht nur darüber reden, woher sie kommen – was sie bei den Behörden schon ständig tun müssen –, sondern auch über ihre Erfahrungen im Hier und Jetzt sprechen. So ging es wortwörtlich darum, neue Impulse zu einer selbstbestimmten Herangehensweise zu geben und die Entstehung eigener Projekte und Netzwerke zu ermöglichen.

Susanne: Mohammed hat beispielsweise bei einem Kurzfilm Regie geführt, der für das wöchentliche Treffen im JugendtheaterBüro mobilisiert. Er ruft alle Flüchtlinge auf, mitzuwirken.

Mohammed und Samee, wie habt Ihr die Beteiligung am Projekt empfunden? Was hat es Euch und den anderen Flüchtlingen gegeben?

Mohammed: Das Wichtigste ist, dass es großen Spaß gemacht hat und eine Ablenkung vom Alltag in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Motardstraße gewesen ist. Die Zustände dort sind so schlimm, dass die meisten nicht das Gefühl haben, in Deutschland zu sein. Bei Impulse und im JugendtheaterBüro fühlen sich alle willkommen, was für die meisten Flüchtlinge ihre erste positive Erfahrung in Deutschland ist. Sie bekommen Hoffnung durch das Projekt, sie können auf ihre Weise ihre eigene Geschichte verarbeiten und für andere erfahrbar machen.

Samee: Die meisten Menschen haben keine Vorstellung, was Flüchtlinge tagtäglich erleben, wie ihr Alltag eigentlich aussieht. Das Projekt hat uns ermutigt, da wir diesen Alltag in das Projekt einbringen konnten und zum ersten Mal das Gefühl hatten, dass wir jemanden damit erreichen können.


Theaterproben im Erstaufnahmelager in der Motardstraße, Foto © Nadia Grassmann


Was ist das Besondere an einer künstlerisch-performativen Herangehensweise?

Ahmed: Dadurch konnten verschiedene Arten der Kommunikation zusammengeführt werden. Man kann den Körper beispielsweise durch expressives Tanzen oder Spiele sprechen lassen. Raum und Zeit wurden den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt, um sich auf neue Dinge zu fokussieren, aber auch um alte hinter sich zu lassen. Und das in einer kollektiven, sich künstlerisch entfaltenden Umgebung. Das ist wichtig, weil Flüchtlingen ja kaum die Möglichkeit zu irgendeiner Entfaltung geboten wird. Sie können sich beruflich ja nicht betätigen. Bei Impulse geht es auch nicht um Therapieren, sondern vielmehr um die Bildung von Stärken und Produktivität.

Susanne, Du hast über das Projekt Impulse den kurzen Dokumentarfilm „Do Butterflies have Borders“ gedreht. Nun machst Du einen längeren Dokumentarfilm über Flüchtlinge, was ist der Grund?

Susanne: Bereits als ich den kurzen Dokumentarfilm gedreht habe, habe ich bemerkt, dass es viel mehr zu zeigen gibt. Der Film „Rhythm is it!“ beispielsweise ging ja ausschließlich um ein Tanzprojekt. Mein Ansatz ist anders, ich wollte auch den Alltag der Flüchtlinge abbilden wie den Gang zum Sozialamt oder das Erlernen der deutschen Sprache. Ich habe mich dann einigen Flüchtlingen gewidmet, mit denen ich eingehender zusammenarbeiten konnte. Zwei davon haben mit Impulse begonnen, sind aber nicht mehr dabei.

Wie war Dein Eindruck beim Filmen? Gab es auch negative Reaktionen der Flüchtlinge?

Susanne: Von Anfang an habe ich sehr viel Offenheit, kulturelle Vielfalt und sehr viele begeisterte Kinder in der Motardstraße wahrgenommen. Ich wurde stets willkommen geheißen, obwohl ihnen das umgekehrt nicht oft widerfahren ist. Es gab aber auch Flüchtlinge, die sich nicht beteiligen wollten. Sie hatten Schwierigkeiten mit der Vorstellung sich zu entblößen, viele sind traumatisiert. Sie müssen ohnehin so viel von sich preisgeben und ihre schwierige Geschichte bereits beim Asylverfahren erzählen. Auch haben sie Angst, öffentlich darüber zu sprechen. Ibrahim, einer der am langen Film beteiligten Flüchtlinge, hat sich aber getraut.

Samee: Ich wollte anfangs auch erst nur in meinem Zimmer bleiben und habe alles als stiller Beobachter mitverfolgt. Ich war deprimiert und habe mich isoliert. Jetzt weiß ich, dass durch dieses Projekt anderen Menschen vermittelt werden kann, womit viele Flüchtlinge konfrontiert sind ­ – wenn auch die Probleme mit den Behörden nicht verschwinden werden. Manche Flüchtlinge arbeiten auf der Bühne, andere bringen ihre Ideen ein. Durch das Projekt geben wir den Beteiligten Schritt für Schritt Selbstvertrauen.

Was unterscheidet Deinen Film von bisherigen Verfilmungen zum Thema Flüchtlinge?

Susanne: Es gibt viele Filme, die Flüchtlinge entweder als Opfer darstellen oder sie werden von den Medien anonymisiert. Es gibt durchaus Filme, die auch eine andere Perspektive anbieten, wie „Land in Sicht“ über 3 Flüchtlinge in Brandenburg. Da wurden auch umstrittene Themen, wie das der sogenannten Scheinehe aus Perspektive der Flüchtlinge angeschnitten. Aber daran hat mir nicht gefallen, dass zugunsten einer filmischen Dramatisierung unrealistische Situationen geschaffen und das Aufeinanderprallen der Kulturen sehr betont wurden. Mein Anliegen war es, wie bei Impulse auch, die Flüchtlinge nicht zu benutzen und zu zeigen, wie sie für ihr Bleiberecht kämpfen. Der Blick des Filmes ist auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen.

Wie finanzierst Du den Film? Mit dem Crowdfunding-Projekt auf startnext suchst Du 5.000 Euro zur Finanzierung der letzten Dreharbeiten und der erste Phase der Postproduktion.

Susanne: Die Dreharbeiten werden damit nicht gedeckt, aber es verschafft uns für die zukünftigen Aufgaben Zeit zu schneiden, das Drehmaterial zu sichten und die letzten noch notwendigen Drehs zu machen. Somit ist das über Crowdfunding eingesammelte Geld ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber es ist ein wichtiger Anfang. Wir wollen unabhängig bleiben von Einflüssen Dritter – von Redakteuren und Förderreferenten– , um nicht deren Bemessungsspielraum von quotenorientierter Qualität zur Maßgabe unseres Filmes werden zu lassen. Aber wir werden sicherlich noch einige Stiftungsanträge bezüglich der Postproduktion stellen.

Welche Vorteile siehst Du beim Crowdfunding gegenüber der klassischen Filmförderung? Kann dadurch die Filmlandschaft umgestaltet werden?

Susanne: In Deutschland dient Crowdfunding im Filmbereich eher Filmemachern wie mir, die viel Herzblut in ihre Projekte stecken und die nur einen Teil ihrer Kosten damit abdecken können. Wirtschaftlich lohnt es sich bislang noch nicht. Das ist in den USA schon anders, wo große Budgets zusammengebracht werden. Aber Crowdfunding ist hier noch in der Entwicklungsphase und hat gewiss das Potenzial, bisherige Strukturen in der deutschen Filmlandschaft aufzubrechen. Zudem beteiligt man Interessierte bereits beim Entstehungsprozess eines Films und kommuniziert mehr nach außen. Was Filmförderungen angeht, ist gerade für Dokumentarfilmer die Situation sehr schwierig, zumal man eine Förderung in der Regel nur bekommen kann, wenn man einen Fernsehsender im Boot hat, und Filmförderungen in erster Linie nach wirtschaftlichen Aspekten vergeben werden. Aber für den Vertrieb des Filmes halten wir uns alle Optionen offen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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