24 Januar, 2017

"Wir räumen mit Klischees auf"

Was ist deutsch und was türkisch? Das Kulturmagazin renk geht dieser Frage auf den Grund. Melisa Karakuş (27) ist Gründerin und Herausgeberin des Magazins und erhielt für ihre Idee bereits zahlreiche Auszeichnungen: den Kultur- und Kreativpilotenpreis, ein Stipendium vom Social Impact Lab und den KAUSA Medienpreis. Mithilfe von Crowdfunding hat das Online-Magazin nun erfolgreich seine erste Printausgabe finanziert. Wir haben mit Melisa über ihre Kampagne gesprochen.

 

Interview: Ann-Kathrin Liedtke

 

Das renk.Magazin-Team in Berlin. Foto @ Nikolai Ziener.

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Hallo Melisa: Wer bist Du und was machst Du?

Mein Name ist Melisa Karakuş und ich bin Grafikdesignerin und Projektmanagerin meines Grafikbüros büro farbe. Vor allem bin ich aber die Herausgeberin und Gründerin des renk.Magazins, einem deutsch-türkischen Online-Magazin, das sich mit Kunst und Kultur beschäftigt. Wir versuchen – und ich denke, nach vier Jahren haben wir es auch bereits ein Stück weit geschafft – mit gewissen Klischees aufzuräumen. Es gibt nicht nur den „Döner-Türken“ oder die „Kopftuch-Mama“: Es gibt ganz viele verschiedene Menschen, die einen deutsch-türkischen Migrationshintergrund haben. renk versucht genau diese positiv hervorzuheben.

Was unterscheidet Euch von anderen Magazinen?

Kunst- und Kulturmagazine gibt es viele. Aber ein Kunst- und Kulturmagazin mit deutsch-türkischem Schwerpunkt gab und gibt es so bisher noch nicht. Wir sind laut, witzig und vor allem bunt. Daher auch der Name: „renk“ ist türkisch und bedeutet „Farbe“. Wir gehen dabei ganz spielerisch mit Klischees um. Dafür habe ich beispielsweise bestimmte Fragen entwickelt: Wollen Türken wirklich wissen, ob du ein Problem hast? Wieso redet Jörg wie Ali? Was halten Türken von Kartoffeln?

 

"Es gibt nicht nur den 'Döner-Türken' oder die 'Kopftuch-Mama': Es gibt ganz viele verschiedene Menschen, die einen deutsch-türkischen Migrationshintergrund haben."

 

Euer Online-Magazin soll nun auch in Printform erscheinen. Über Crowdfunding wurdet ihr erfolgreich mit 8.500 Euro gefundet. Warum hast Du Dich für Crowdfunding als Finanzierungsmethode entschieden?

Das ist eigentlich ganz witzig: Direkt als ich das renk.Magazin 2012 gegründet hatte, hatte ich auch eine Crowdfunding Kampagne angelegt. Das Projekt lag dort ganze vier Jahre auf Entwurf-Status, weil ich dachte, dass ein Online-Magazin vermutlich nicht finanziert werden würde. Das war ja kein Projekt, das abschließbar ist oder eine bestimmte zeitliche Phase hat. Vor vier Monaten wollte ich es doch nochmal versuchen. Ich habe den alten Entwurf gelöscht, alles nochmal neu eingegeben und bin die Kampagne angegangen. Dieses Mal war es ein abschließbares, rundes Projekt, für das man einen konkreten Finanzplan erstellen konnte.

 

Gründerin und Herausgeberin Melisa Karakuş. Foto: Ferhat Topal.

 

Denkst Du, dass die Kampagne auch vor vier Jahren erfolgreich gewesen wäre?

Ich glaube schon, dass das Projekt wahrscheinlich funktioniert hätte. An der Rückmeldung und den Preisen, die ich schon damals erhalten hatte, konnte man ja sehen, dass ein gewisses Interesse bestand. Allerdings hatten wir jetzt, vier Jahre nach der Gründung, einen entscheidenden Vorteil: mittlerweile hatten wir eine gewisse Crowd erreicht. Das war damals noch nicht der Fall. Und die Crowd ist ein unglaublich wichtiger Faktor.

Welche Vorteile bietet Crowdfunding?

Zum einen ist es eine gute Werbung, zum anderen kannst du direkt testen, ob die Leute auch wirklich Bock haben auf so ein Magazin haben. Für uns war es wie eine Vorbestellung unseres Produktes mit gleichzeitigem PR-Effekt. Man hätte natürlich alles vorfinanzieren können, aber das ist gleichzeitig auch ein größeres Risiko.

 

"Die Kampagne war wie eine Achterbahnfahrt. In der Mitte der gab es eine Flaute. Da dachte ich mir: 'Oh Gott, das wird nie was'"

 

Wie hast Du Eure Kampagne empfunden? Was war die größte Hürde?

Die Kampagne lief erstaunlich gut. Der für uns eigentlich aufwändigste Part war das Crowdfunding-Video. Hier hatten wir die Messlatte extrem hoch gesetzt, weil wir uns dachten: das muss hervorstechen. Denn wenn wir uns schon ein Online-Magazin nennen, das sich durch ein tolles, individuelles Design auszeichnet, muss sich das auch im Video widerspiegeln. Wir haben etwa sechs Tage von morgens bis zum nächsten Morgen durchgearbeitet. Und wir haben wirklich viel Geld aus eigener Tasche investiert, das darf man nicht vergessen – diese Investition haben wir nicht in die Fundingsumme mit eingerechnet. In der Kampagne selbst musste man die Leute tatsächlich auch ein bisschen nerven. Du kommst dir irgendwann total blöd dabei vor, weil du denkst: Soll ich wirklich schon wieder eine Mitteilungen rausschicken? Etwa in der Mitte der Kampagne gab es schließlich eine Flaute. Da dachte ich mir: Oh Gott, das wird nie was. Als das Ende aber näher rückte, haben die Leute wieder gespendet. Das war eine richtige Achterbahnfahrt.

Welchen Tipp kannst Du anderen bei der Planung ihrer Kampagne geben?

Es ist total wichtig, dass man sich vorher genau über Crowdfunding informiert. Man muss sich bewusst sein, dass man viel Arbeit in die Kampagne investieren muss – das fängt schon mit einem detaillierten Zeitplan und der Aufgabenverteilung an. Ansonsten darf man sich nicht wundern, wenn es nicht klappt.

 

Von Online zu Print: das renk.Magazin gibt es jetzt auch analog. Foto: @ renk.Magazin.

 

Warum hast Du Dich für Startnext als Plattform entschieden?

Startnext ist mir damals optisch aufgefallen, ich fand die Grafik ganz cool. Besonders schön fand ich dann während der Kampagne, dass sie uns zu einem Live-Facebook-Interview eingeladen haben. Daran hat man gesehen, dass sie selbst auch Wert auf das legen, was inhaltlich auf ihrer Plattform passiert.

Wo siehst Du Dich und das Projekt in der Zukunft? Hättest Du Dich vor vier Jahren dort gesehen, wo Du jetzt stehst? 

Nein, gar nicht. Ich hätte nicht geahnt, dass das alles so gut funktionieren würde. Ich muss aber auch sagen, dass ich viel dafür getan habe. Ich arbeite jeden Tag an dem Magazin. Auch am Wochenende. Ich habe viel harte Arbeit in das Projekt investiert, um das zu erreichen, was ich bisher erreicht habe. Ich hätte es aber genauso wieder gemacht, obwohl ich auch Momente hatte, in denen ich dachte: „Für umsonst arbeiten, wie soll das gehen?“ Bei dem renk.Magazin möchte ich in Zukunft primär die Printproduktion weiterverfolgen. Also auf jeden Fall analoger werden. Das größte Ziel ist jedoch, da wir bisher noch ein ehrenamtliches Projekt sind, zumindest zwei Stellen finanzieren zu können.

Melisa, viel Erfolg dabei.

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Ein weiterführendes Interview mit Melisa Karakuş auf Creative City Berlin gibt's hier.

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