8 Juni, 2017

„Es wird Zeit, dass sich das mal ein Startup traut“

EDITION F ist ein Netzwerk, ein Magazin, eine Jobbörse inklusive Online-Coaching, insgesamt ein „digitales Zuhause für Frauen“. Aktuell hat das 21-köpfige Team einer der bestfinanziertesten Crowdfundings aller Zeiten auf einer deutschen Plattform hinter sich - mit 381.000 Euro. Das Projekt: die FEMALE FUTURE FORCE Academy. Wie schafft man das?

 

Interview: Laura Casadevall und Jens Thomas

 

Das Team von Edition F: Im Gespräch mit der Crowdfunding-Redaktion Bea Päßler (ganz links) und Franziska Sandow (zweite von rechts). Foto: © Edition F

 

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Hallo Bea und Franziska, Glückwunsch zu eurem Crowdfunding. Ihr habt satte 381.000 Euro eingenommen. Hat euch die Summe überrascht?

Bea Päßler: Auf jeden Fall! Drei Tage vor dem Ende des Crowdfundings standen wir bei etwa 271.000 Euro und in den letzten Stunden haben wir so extrem mitgefiebert und waren dann von dem Endbetrag begeistert.

Euer Ziel war ja 1 Millionen, eine stolze Summe. Der Durchschnittswert einer Crowdfunding-Kampagne liegt in Deutschland bei rund 8.000 Euro. Gab es Leute, die euch für völlig übergeschnappt hielten?

Franziska Sandow: Die Leute waren eher beeindruckt und haben uns Mut zugesprochen. Das hat unsere Meinung bestärkt: Es wird Zeit, dass sich das mal ein Startup traut.

Zum Verständnis: Was genau ist EDITION F und was macht ihr hier?

Bea Päßler: Wir verstehen uns als digitales Zuhause für Frauen, um zu inspirieren, weiterzubringen, zu vernetzen und Frauen eine Bühne zu bieten. Wir haben als Magazin angefangen, das ist auch heute noch unser Herzstück. Gegründet wurde EDITION F von Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert 2014. Bei uns findet man ein Online-Magazin, eine Jobbörse, digitale Weiterbildungsoptionen in der FEMALE FUTURE FORCE Academy und wir machen pro Jahr über zehn Events, um Menschen auch offline zu vernetzen. Das alles ist EDITION F.

 

"52 Wochen digitales Coaching. 52 Top-Experten. 52 Videos, Interviews, Podcasts, Work Sheets und Fragebögen - das alles ist Female Future Force"


Euer Crowdfunding ist einer der bestfinanziertesten aller Zeiten auf einer deutschen Plattform, Crowdinvesting mal ausgenommen. Warum lief das so gut bei Euch?

Franziska Sandow: Wir glauben, dass unser Angebot die Leute einfach angesprochen und genau ihre Bedürfnisse geweckt hat. Außerdem haben wir eine unglaublich starke Community und zahlreiche Multiplikatoren, die die FEMALE FUTURE FORCE unterstützen – ob direkt als Coach oder mit einem Post auf den sozialen Medien mit dem #femalefutureforce.

Um was geht es in dem Projekt?

Bea Päßler: Bei EDITION F haben wir über zahlreiche tolle Persönlichkeiten und Experten geschrieben, Webinare mit ihnen gemacht und Panels organisiert. Diese Menschen und ihr Wissen bündeln wir jetzt und kuratieren die FEMALE FUTURE FORCE Academy: 52 Wochen digitales Coaching. 52 Top-Experten. 52 Videos, Interviews, Podcasts, Work Sheets und Fragebögen. 52 Wochen, die unsere Community persönlich und beruflich wachsen lassen. Female Empowerment scheint dennoch oft ein Lippenbekenntnis zu sein. Das wollen wir ändern.


Foto: © Edition F


Welche Themen schlagt ihr an? Und was lernt man bei den Online-Coachings?

Franziska Sandow: Wir haben das Programm für all diejenigen kuratiert, die das Gefühl haben, dass sie neuen Input oder Inspiration suchen, die noch unentschlossen sind, wo die Reise für sie hingehen soll oder die zwar das Ziel kennen, nicht aber den Weg. An diesen Punkten steht man im Leben ja immer wieder mal zum Beispiel nach der Ausbildung oder der Uni, wenn der aktuelle Job nicht mehr passt und die Sehnsucht nach Veränderung wächst, nach der Elternzeit oder wenn eine Kündigung nicht nur ein Schrecken, sondern auch eine neue Chance bedeutet. Mit der Academy geben wir all denen, die sich persönlich und beruflich weiterentwickeln möchten, den passenden Werkzeugkasten an die Hand.

Mit welchen Coaches arbeitet ihr? Und wie sucht ihr sie aus?

Bea Päßler: Ich muss sagen, dass vor allem ich als Academy Managerin richtig stolz auf die Coaches bin, die wir für die Academy gewinnen konnten. Es sind so viele unterschiedliche Menschen aus den verschiedensten Bereichen dabei, die wahnsinnig inspirierend sind und von denen wir sehr viel lernen können. Von Verhandlungsexperte Matthias Schranner, über den Rapper und Systematischen Coach Curse bis hin zu Deutschlands erfolgreichster Bloggerin Jessie Weiss.

EDITION F wurde 2014 gegründet und seid dann einen ziemlich steilen Weg gegangen. Wie schafft man das?

Franziska Sandow: Auf EDITION F schaffen wir es, unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden und eine ganzheitliche digitale Anlaufstelle anzubieten, um zu inspirieren, weiterzubringen, zu vernetzen und Frauen eine Bühne zu bieten. Erwachsen ist die Idee, weil die klassische Medienlandschaft recht stereotyp ist. In Frauenmedien geht es oft um Beauty, Diättipps und Gossip, Wirtschaftsmedien hingegen sind oft auf Männer fokussiert. Und mit EDITION F haben wir diese große Lücke, die entstanden ist, erfolgreich geschlossen. Drei Jahre nach der Gründung von EDITION F haben wir Bea und ich über 20 der besten Kollegen der Welt und 600.000 Unique User jeden Monat. Das ist schon unglaublich.


"Feminismus wird nie langweilig. Aber man braucht immer wieder innovative Ansätze, um gesellschaftlichen Wandel möglich zu machen"


Das Thema Feminismus ist ja wirklich nicht neu. Wie besetzt man ein solches Thema, damit es nicht langweilig und antiquiert wirkt?

Franziska Sandow: Feminismus ist vielfältig und spielt in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Rolle, die Themen sind endlos – und viel Fragestellungen nach wie vor ungelöst. Langweilig wird es daher nie, denn man braucht immer wieder innovative Ansätze, um gesellschaftlichen Wandel möglich zu machen. Wichtig ist es daher vor allem, Geschichten darüber zu erzählen, wie das gelungen ist, damit sichtbar wird, dass man tatsächlich etwas bewirken kann.

Was bedeutet Feminismus für Euch? Ihr habt ja immerhin das F im Namen.

Bea Päßler: Also für mich steht Feminismus für eine generelle Form der Gleichberechtigung, das gilt für alle Lebensbereiche. Mich stört auch immer wieder an diesem Diskurs, dass man mit Feminismus nur die Gleichberechtigung der Frau meint. Es geht doch darum, dass es irgendwann überhaupt keinen Unterschied mehr macht, was für ein Geschlecht du hast. Und erst wenn es irgendwann keine Seminare mehr zur beruflichen Besserstellung geben müsste, wenn es unsere Academy also im Grunde gar nicht mehr bräuchte, hätten wir unsere Ziele erreicht und dann gibt bestimmt neue Themen.

Fühlen sich denn auch Männer von Eurem Programm angesprochen? Ich kenne keinen, der dabei ist.

Franziska Sandow: Männer sind natürlich bei der FEMALE FUTURE FORCE auch herzlich willkommen und gerade sind etwa 15% der Teilnehmer Männer. Da gibt es noch viel Luft nach oben. Seit Freitag gibt es bei Facebook auch eine FEMALE FUTURE FORCE Gruppe, in der sich alle Member, aber auch Nicht-Member, miteinander vernetzen und austauschen können, da findest du bestimmt auch den ein oder anderen männlichen Supporter.


"Wir haben über das Crowdfunding unheimlich viel direktes Feedback bekommen, das war für uns unfassbar wichtig. Und wir haben viele neue Menschen kennen gelernt, auch Unternehmen, die uns unterstützt haben und mit denen wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen"


Gibt es Leute, die Euer Programm generell kritisch sehen oder sich gar daran stören?

Bea Päßler: Nein, zumindest haben wir nichts direkt mitbekommen. Vor der Kampagnen gab es zu einem Teamfoto von uns einen kleinen Shitstorm bei Twitter. Der Grund war, dass auf dem Foto unser Creative Director Jannis als einziger Mann unter Frauen zu sehen war. Eigentlich haben wir drei Männer im Team, aber die anderen beiden waren an dem Shootingtag leider nicht da.

Waren denn eure Supporter bei der Kampagne sowohl Männer als auch Frauen?

Bea Päßler: Ja und das ist auch das Schöne, wie Franziska gerade schon angedeutet hat. Neulich hatten wir zum Beispiel einen Vater, der für seine Tochter eine FEMALE FUTURE FORCE Membership gebucht hat und ihr einfach etwas Gutes tun wollte. Das sind wirklich schöne Geschichten. Außerdem gibt es auch viele Paare, die sich gemeinsam bei uns anmelden. 

Das Crowdfunding ist nun seit drei Wochen vorbei. Was hat es euch über die Finanzierung hinaus gebracht?

Bea Päßler: Wir haben unheimlich viel direktes Feedback bekommen, das war für uns unfassbar wichtig. Und wir haben viele neue Menschen kennen gelernt, auch Unternehmen, die uns unterstützt haben und mit denen wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen. Für uns war das Crowdfunding ja kein Markttest, was Crowdfunding ja oft ist, wenn erst mal ein Prototyp getestet wird, um zu schauen, wen das überhaupt interessiert. Wir wussten, dass es zu unserem Angebot bereits eine Nachfrage gibt. Und jetzt beginnen wir mit der Umsetzung. Im September geht es los!

Zum Schluss: Wo wollt ihr mit EDITION F noch hin?

Franziska Sandow: Herausforderungen in einem Startup sind natürlich immer finanzielle und personelle Ressourcen. Susann und Nora haben uns als Team mit in ihre Entscheidung eingebunden, in Zukunft nicht noch eine Finanzierungsrunde nach der nächsten zu machen, sondern jetzt den Break Even anzustreben und aus eigener Kraft zu wachsen. Das motiviert uns alle im Team enorm, aber wir sind uns auch bewusst, dass sie einige Gefahren birgt. In ferner Zukunft träumen wir natürlich davon, dass EDITION F mal eine internationale Marke wird.

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