28 November, 2018

Bianca Jankovska: „Da draußen sind Leute, die mich wirklich wollen“

Bianca Jankovska ist Bloggerin, Autorin und betreibt die „Groschenphilosophin“ – das ist ihr hauseigener Blog, den man über ein Crowdfunding-Abo auf der Plattform Steady unterstützen kann. Aktuell bringt ihr das monatlich knapp 700 Euro ein – Tendenz steigend. Wir fragen nach: Was sind Vor- und Nachteile des sogenannten Crowdfunding-Abos? Entstehen hier neue Geschäftsmodelle? Oder ist das Crowdfunding-Abo doch nur die nächste mediale Spielwiese, die zu viel Zeit frisst? 
 

Interview: Jens Thomas

 

Viele haben irgendwann einfach keinen Blog mehr, sie schon: Bianca Jankovska, Bloggerin, Autorin - im Gespräch mit Crowdfunding Berlin. Foto: privat

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Hallo Bianca, deinen Blog „Groschenphilosophin“ kann man über ein Crowdfunding-Abo über die Plattform Steady unterstützen. Kannst du davon leben? 

Bianca: Nein. Aber das ist auch – zumindest vorerst – nicht mein Ziel. Ich lebe immer noch von mehr oder weniger festen und langfristigen Auftragsarbeiten. Mein Ziel ist aber, bald 1.000 Euro auf Steady einzunehmen. Aktuell bin ich bei knapp 700 Euro. 

Bevor wir ins Detail gehen: Was genau ist die „Groschenphilosophin“ und wie kamst du dazu? 

Bianca: Die „Groschenphilosophin“ ist mein Nischenblog für alle Outsider, Introverts & Badasses mit monatlichem Newsletter und 24/7 Insta-Grind. „Haltung statt Interior-Porn!“ lautet das Motto des 2014 gegründeten, kritischen Lifestyle-Blogs. Damals war ich noch Studentin und wollte die Inhalte, die ich in meinem Studium – Politik und Publizistik – mitnahm, popkulturell für die Nachwelt aufarbeiten. Ich führte Interviews mit Schriftstellerinnen, Vloggern, verfasste Rezensionen und Kommentare. Ich blogge, seit ich 16 bin, dieser Prozess war also schon immer Teil von mir. 160 Blogeinträge und sicherlich tausende Tweets später wurde ich dann von einem großen Medienhaus angeheuert. Das war mir aber zu eintönig auf Dauer, deshalb habe ich nach einem Jahr wieder gekündigt und mich selbstständig gemacht. Inzwischen schreibe ich kaum noch als Freie, weil Steady so gut läuft und mir die absolute Freiheit lässt, das produzieren zu können, was ich möchte. 

Wie funktioniert das Crowdfunding-Abo auf Steady? Und warum sollte man deinen Blog darüber unterstützen? 

Bianca: Ich poste auf Steady, du kannst mich mit meinem Blog und auf Instagram, mit Followern und Fans ab 3 Euro im Monat unterstützen, gerne auch mit mehr. An Steady gehen – je nach Zahlungsform – zwischen ein und 2,5 Prozent der Einnahmen. Steigen die Einnahmen, steigen auch die Abrechnungskosten. Weiteres wird von den Bruttoeinnahmen die Umsatzsteuer (19 Prozent) abgezogen, woraus sich die Netto-Beiträge ergeben, von denen Steady wiederum 10 Prozent einbehält – danach werden die Gebühren der Zahlungsanbieter abgezogen. Und zur Unterstützungsfrage muss ich etwas ausholen. Es ist doch so: Während in den UK und US Magazine wie Jezebel, Rookie, Teen Vogue, Baffler oder Vulture Kult und Sendungen wie Wendy Williams eine große Fangemeinde anziehen und deren Inhaberinnen oder Chefinnen als respektable Instanzen handeln, gibt es bei uns Vox: das Promimagazin, in dem zwar relevante News über Stars und Branchenevents gezeigt, dabei aber so visuell und sprachlich zeitgemäß präsentiert werden wie Kartoffelsuppe im Wirtshaus: gar nicht. Exklusiv Weekend scheint auch nicht die Alternative, wenn man sich nicht für den schwedischen Adelsnachwuchs und Föhnfrisuren interessiert. Diese Lücke versuche ich ein Stück weit mit meiner Persönlichkeit und dem Einsatz neuer Medien wie Instagram oder meinem Blog auf Steady zu schließen. Dort gibt es dann Formate wie die „Netflix-Review“ oder „Lesen mit mir“. Schaut es euch an. 

Auf was kommt es bei deiner Arbeit an? 

Bianca: Du musst regelmäßig aktiv sein und deine Community aktivieren. Ich zum Beispiel poste nicht nur meine eigenen ehrlichen Essays, Captions und Erfahrungsberichte zu den Themen Modern Work Life, Digital Adulting und Internetkultur – geschildert aus der ganz speziellen Badass-Perspektive natürlich –, sondern mache auch satirische Videos in den Storys und kuratiere andere spannende Projekte, über die sich meine Community freut. Denn ich habe gemerkt: da sind Leute, die wollen mich. Punkt. Persönlich, ungekürzt, komplex und fernab bekannter Marktmechanismen. Sie wollen meine Perspektive über den Achtsamkeits-Trend lesen, über PR-Bomben wie den Film Embrace oder A Star Is Born. Die Existenz als Introvertierte in einer Welt voller "SEHT HER"-Schreier und die Schwierigkeit, sich als Unternehmerin seiner Selbst in der digitalen Kreativbranche durchzusetzen, ohne auszubrennen. Diese Themen kann man zwar auch alle an Zeitungen pitchen: aber es kostet unfassbar viel Zeit und Energie, für die eigene Unkonventionalität zu kämpfen. Außerdem wächst die eigene Community nicht auf einer fremden Homebase. 

 

"Da sind Leute, die wollen meine Perspektive über den Achtsamkeits-Trend lesen, über PR-Bomben wie den Film Embrace oder A Star Is Born. Persönlich, ungekürzt, komplex und fernab bekannter Marktmechanismen. Darauf kommt es an". 

 

Auf dem Podium zur Crowdfunding-Veranstaltung „Kurzfristig war gestern, Crowdfunding langfristig gedacht“ hast du moniert, dass du nicht nur gute Erfahrungen auf Steady gesammelt hast. Was genau ist passiert? 

Bianca: Eine Schwierigkeit bei Steady war bisher, dass sich ein, zwei Leute durch ihre Mitgliedschaft das Recht auf meine Zeit herausgenommen haben. Dadurch, dass sie mir 2,50 Euro im Monat bezahlten (ergo: ungefähr fünf Minuten meiner monatlichen Arbeitszeit), dachten manche, dass sie sozusagen das Anrecht auf mich als Person hätten. Dass ich ihre Freundin wäre, die im Gegenzug zu ihrer Großzügigkeit auch noch dankbar sein müsste. Als ich einmal auf eine Nachricht nicht geantwortet hatte, wurde mir prompt das Abo entzogen. Das war eine, wie sagt man so schön, lesson learned. 

Was passierte dann? 

Bianca: Seitdem trenne ich noch klarer zwischen Beruflichem und Privatem und zeige meine Grenzen auf. Da werden theoretisch ganz neue Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, nur, dass ich glücklicherweise von 2,50 Euro pro Person nicht abhängig bin. Wären das 100 Euro pro Monat pro Person, sähe das schon anders aus. Deshalb sind meine Mitgliedschafts-Optionen auch recht günstig. Ich muss aber sagen: Die allermeisten Reaktionen waren sehr positiv. Einmal schrieb mir jemand: „Danke für deinen tollen Content! Ich bin froh, dass du so ehrlich bist und mir auch die Augen geöffnet hast über das (gratis)konsumieren von Internetinhalten. Ich hab dann gedacht, dass diese 11 Euro nicht mal eine Stunde Arbeit bedeuten (Schweizer Löhne und so) und ich meistens mehr als eine Stunde im Monat mit deinen Inhalten verbringe und das deshalb eine absolut gerechte Investition ist.“ 

Siehst du in Crowdfunding-Abo-Modellen eine zukünftige Perspektive zur langfristigen Finanzierung kultureller Projekte? Oder ist das doch nur die nächste mediale Spielwiese, die zu viel Zeit frisst? 

Bianca: Ich glaube, Crowdfunding ist eine Antwort auf die hiesigen Arbeitsverhältnisse, die viele Medienproduzentinnen nicht mehr so hinnehmen. Darüber handelt auch mein erstes Buch „Das Millennial-Manifest“, das gerade bei Rowohlt erschienen ist. Viele haben einfach keine Lust mehr, in die Taschen anderer zu arbeiten und nehmen dann lieber das Risiko einer Crowdfunding-Kampagne in Kauf, als noch länger gegen ihren Willen rund um die Uhr zu scheffeln und hinterher wieder mit nichts dazustehen. Bei mir als digital aktiver Solopreneur funktioniert das monatliche System von Steady gut, da ich selbst auch monatlich produziere und meiner Community sage, für was ich Geld brauche, um nicht in der Selbstausbeutung zu landen. Mit dem Erreichen der ersten Steady-Schwelle (400 Euro monatlich) wollte ich mir zunächst auch nur den Aufwand für den monatlichen Newsletter und das monatliche Essay entschädigen, wobei selbst das an meinem herkömmlichen Stundensatz gemessen zu wenig ist. Ich denke, wir stehen hier erst am Anfang. Und das Crowdfunding ist eine Möglichkeit, hineinzuschnuppern und zu sehen, wie sich die Dynamiken mit meiner Community ändern, sobald ich sie um Geld bitte. Gleichzeitig weiß ich: ohne Steady hätte ich in den letzten zwei Monaten deutlich weniger gemacht. Es ist schon ein Anreiz zu sehen, dass man sich eventuell in einem Jahr sein komplettes Einkommen durch Steady finanzieren könnte, wenn man genug wächst. Aber Achtung: wer sein komplettes Einkommen mit Steady erzielt, hat theoretisch auch nie wieder Urlaub. Die Menschen beobachten dich. Instagram ist das neue Orwell. 

Anschlussfrage: Alexander Sängerlaub vom Magazin Kater Demos hat sich bewusst gegen ein Crowdfunding-Abo entschieden. Er sagt: „Das Crowdfunding-Abo funktioniert im Grunde nur bei denen, die bereits etabliert sind“. Würdest du ihm zustimmen?

Bianca: Da ist was dran. Wer bereits eine große Community oder die eigene Prominenz vorzuweisen hat, sagen wir 10k-Follower auf Insta oder Facebook, und guten, relevanten, einzigartigen Content an seine Zielgruppe ausspielt, kann nach dem Start der Kampagne mit ungefähr 350 Euro monatlich rechnen, und mit 600 nach zwei weiteren Monaten aktiver Bewerbung. Nach dieser Rechnung wären momentan 30k notwendig, um spielerisch und ohne großen Aufwand auf 1800 Euro zu kommen. Brutto, sei dazugesagt. Hinzu kommen noch die Abzüge von Steady. Ich würde aber nicht ausschließen, dass auch die „Kleinen“ eine Chance haben. Ich bin mit 5000 Followern auch nicht „supergroß“, habe aber eine sehr spitze, kluge Zielgruppe, die sehr wohl bereit ist, mich zu unterstützen – darauf kommt es an. Aber garantieren kann das vorher niemand. Und es wird immer Menschen geben, die dein Business-Modell ungefragt kommentieren. 
 

"Das Crowdfunding-Abo ist ein Anreiz um zu sehen, dass man sich eventuell in einem Jahr sein komplettes Einkommen finanzieren könnte, wenn man genug wächst. Aber Achtung: wer sein komplettes Einkommen mit Steady erzielt, hat theoretisch auch nie wieder Urlaub. Und ich rate euch: Verkauft euch nicht unter Wert. Wer Qualität will, soll bezahlen. An diesen Gedanken sollten wir uns gewöhnen". 


 

Wenn du anderen einen Tipp geben würdest, die ebenfalls damit liebäugeln, ein Crowdfunding-Abo abzuschließen: Welchen Fehler sollte man tunlichst vermeiden? 

Bianca: Bietet bei Vertragsabschluss kein gemeinsames Abendessen oder Bier in einer Kneipe an! Das weckt falsche Erwartungen. Ich bin nicht auf Steady, um neue Freunde zu finden. Ich bin dort, weil ich es nicht gut finde, wie mit Gratis-Content um sich geschmissen wird und wie wenig Menschen erkannt haben, dass sie die Plattformen, auf denen sie all das Wissen bereit stellen, weder besitzen noch von ihnen bezahlt werden, obwohl sie unfassbar viele Stunden dorthin hineininvestieren. Zwei Drittel derer, die sich im Internet über Politik informieren, sind zum Beispiel grundsätzlich nicht bereit zu zahlen, das zeigen Ergebnisse einer Untersuchung aus dem Jahre 2016 des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Nur einem knappen Drittel der repräsentativ Befragten war klar, dass den Machern durch das kostenlose Angebot von Artikeln im Internet Geld fehlt, um guten Journalismus (in meinem Fall: Content) zu finanzieren. Und auch die Steady-Macher geben an, dass in der Regel nur 5 Prozent der Community bereit sind, Geld zu geben. Hier muss sich etwas ändern, hierauf hat auch jeder zu achten. Verkauft euch nicht unter Wert. Wer Qualität will, soll bezahlen. An diesen Gedanken sollten wir uns gewöhnen. 

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