16 März, 2018

Kerstin Eisenhut: "Mit dem Mikrokredit schaffen wir eine neue Alternative"

Macht es Sinn, Crowdfunding mit einem Mikrokredit zu kombinieren? Seit Ende letzten Jahres ist das in Berlin möglich. In Kooperation mit Startnext hat die landeseigene Investitionsbank Berlin (IBB) einen Mikrokredit ins Leben gerufen, der zinsvergünstigte Darlehen von bis zu 25.000 Euro über Mittel aus dem „Mikrokredit aus dem KMU-Fonds“ der Europäischen Union (EFRE) ermöglicht. Wir wollen wissen, wie sinnvoll das ist und wie das Ganze funktioniert: Was bringt ein solcher Mikrokredit Kultur- und Kreativschaffenden? Und wer bekommt ihn überhaupt? 10 Fragen zur Aufklärung an Kerstin Eisenhut von Startnext. 

 

Interview: Stefan Schneider 

 


Foto: © Startnext 
 

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Hallo Kerstin, ihr habt zwei neue Mikrokredite auf den Weg gebracht: einen über das Förderprogramm "MikroCrowd" in Baden-Württemberg in Kooperation mit der L-Bank, einen zusammen mit der landeseigenen Bank in Berlin, der IBB. Seit letztem Herbst ist nun die Kombination von Crowdfunding mit Mikrokrediten bis zu 25.000 Euro in Berlin möglich. Erklär uns doch mal, wie das Ganze funktioniert.  

Kerstin: Gerne, der Ablauf ist ganz einfach: Ihr bewerbt euch mit eurem Startup auf der Partner-Page der IBB auf Startnext oder bei der IBB direkt. In der Bewerbung gebt ihr an, wie hoch das geplante Fundingziel für eure Startnext-Kampagne ist und welche Summe ihr zusätzlich als Mikrokredit benötigt. Die IBB schaut sich dann eure Bewerbung an. Wenn alles passt, bekommt ihr eine vorläufige Kreditzusage. Danach könnt ihr eure Startnext-Kampagne starten. Wenn ihr euer Fundingziel erreicht, wird der Mikrokredit im Anschluss ausgezahlt. Das heißt auch, dass die Kreditvergabe an den Erfolg des Crowdfundings gekoppelt ist. 

 

"Auf den Mikrokredit bewerben können sich Gründerinnen und Gründer sowie kleine und mittlere gewerbliche oder freiberufliche Unternehmen (KMU), die eine Betriebsstätte in Berlin errichten wollen oder bereits haben"
 


Du sagst „wenn alles passt“. Welche Anforderungen muss ein Unternehmen oder Projekt erfüllen, um in die engere Auswahl zu kommen? 

Kerstin: Voraussetzung ist, dass unternehmerische Absichten erkennbar werden und die Kampagne erfolgreich finanziert wird. Bewerben können sich also Gründerinnen und Gründer sowie kleine und mittlere gewerbliche oder freiberufliche Unternehmen (KMU), die eine Betriebsstätte in Berlin errichten wollen oder bereits haben. 

Das heißt, der Mikrokredit richtet sich an Unternehmen, die sich bereits etabliert haben und die eine Skalierbarkeit erkennen lassen? 

Kerstin: So in etwa. Eine Gründerin oder ein Gründer muss eine gewisse Gewinnorientierung mit dem Startup erkennen lassen, sonst würden wir auch eher von einem Kredit abraten und beispielsweise die Kombination mit Stiftungen oder Förderinstitutionen empfehlen. 

Aber läuft das nicht den Prinzipien des Crowdfunding zuwider? Über Crowdfunding finanzieren sich vor allem kleinteilige und unterfinanzierte Projekte, auch viele mit ideeller Intention, die oft keine dezidierte Gewinnorientierung erkennen lassen.  

Kerstin: Ich würde es eher so formulieren: Der Mikrokredit ist nur ein Weg, er ist kein Muss. Er spricht die Unternehmer unter den Crowdfundern an, nicht die sozialen Projekte. Die Unternehmen müssen aber kein großes Wachstum generieren, es sollte nur ein langfristiges Geschäftsmodell erkennbar werden. Dazu gehört natürlich auch, dass die geplanten Einnahmen die Ausgaben ab einem bestimmten Punkt übersteigen. Man kann sich im Übrigen dazu auch bei der IBB direkt beraten lassen. In unseren Sprechstunden oder Beratungen sprechen wir auch mit den Projekten und Unternehmen darüber und überlegen, ob der Mikrokredit überhaupt ein passendes Modell ist.
 

"Wir wollen den Zugang zu Krediten vereinfachen, indem die Entscheidung der Bank an die Entscheidung der Crowd gekoppelt wird"
 

Wie wird denn entschieden, wer zum Schluss den Kredit bekommt? Macht ihr das oder die IBB? 

Kerstin: Die Entscheidung liegt bei der IBB. Sie entscheidet vor dem Start der Kampagne, welche Projekte grundsätzlich den Kreditrichtlinien entsprechen. Danach entscheidet die Crowd. Und somit wird das Produkt nicht nur von der Bank, sondern auch von potenziellen Kunden getestet. Eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne erleichtert der IBB so auch die Entscheidung einen Kredit zu vergeben, da das Unternehmen bereits erste Kunden gewinnen konnte.

Aber mal ehrlich: Wieso sollen Crowdfunder überhaupt einen solchen Kredit in Anspruch nehmen? Den müssen sie ja zurückzahlen, was besonders problematisch für das Projekt ist, wenn es im Anschluss scheitert. Beim Crowdfunding besteht dagegen kein Risiko, das Geld muss auch nicht zurückgezahlt werden. Wäre es dann nicht sinnvoller, möglichst alles auf eine Karte zu setzen und über Crowdfunding möglichst viel Geld zu generieren? 

Kerstin: Das ist natürlich auch ein Weg – es ist aber für manche Startups nicht immer ganz einfach, gleich ein hohes Fundingziel zu erreichen, da ihre Community noch nicht so groß ist. Die Verknüpfung von Crowdfunding mit Bankkrediten ist hierfür ein Weg: Es ermöglicht, größere Projekte erfolgreich zu finanzieren und vereinfacht zugleich den Zugang zu Krediten. Der Mikrokredit ist ja auch nur eine Alternative unter vielen. 

25.000 Euro ist trotzdem nicht viel, um ein Unternehmen aufzubauen. Wäre es da nicht grundsätzlich sinnvoller, Venture Capital in einer anderen Größenordnung anzudenken, wenn man ein Unternehmen aufbauen will und es auch wachsen soll? 

Kerstin: Im Technologiebereich und bei der Wachstumsfinanzierung von etablierten Startups würde ich sagen, ja. Hier ist eine größere Finanzierung sicher notwendig. Allerdings ist es nicht das Ziel eines jeden Unternehmens, gleich in einer solchen Größenordnung zu skalieren. Außerdem gibt man mit Venture Capital Anteile ab und erweitert so den Kreis der Entscheidungsträger. In der Gesamtheit ist das immer eine Grundsatzentscheidung, jeder Gründer und jede Gründerin muss das für sich entscheiden: Was ist mir wichtiger - Wachstum oder freie Gestaltungsmöglichkeiten? Zusätzlich sind Beteiligungen auch oft mit hohen Erwartungshaltungen an die Rendite verknüpft. 

Was ist eigentlich euer Ziel? Was erhofft ihr euch von der Kooperation mit der IBB? Sowohl für euch als Unternehmen als auch für die Projekte, die auf Startnext funden? 

Kerstin: Wir sehen darin einen Mehrwert. Wir wollen den Zugang zu Krediten für unsere Starter vereinfachen, indem die Entscheidung der Bank an die Entscheidung der Crowd gekoppelt wird. Erfahrungsgemäß ist es ja für Gründer schwierig, überhaupt einen Kredit zu bekommen, da die Banken mit ihrem standardisierten Prüfverfahren den zukünftigen Unternehmenserfolg und damit auch das Risiko schwer abschätzen können. Die Kombination von Crowdfunding mit Krediten soll genau dieses Problem lösen.

Welchen Vorteil hat aber die IBB durch die Kooperation? Und welches Risiko besteht für sie auch, wenn das Unternehmen im Anschluss scheitert? 

Kerstin: Die IBB ist mit der Gründungsförderung in Berlin beauftragt. Die Kooperation mit uns ist somit als Teil ihres Auftrags zu sehen. Die Investitionsbank Berlin ist ein Landesförderinstitut, das heißt eine zentrale Aufgabe der Förderbanken ist die regionale Wirtschaftsförderung und die Unterstützung von Existenzgründungen in Berlin. Im Gegensatz zu Privatbanken, die mit reiner Gewinnerzielungsabsicht wirtschaften, haben Förderbanken somit einen gesetzlichen Auftrag zu erbringen. Da sich Crowdfunding mittlerweile als ein wichtiger Baustein zur Finanzierung von Startups etabliert hat, macht eine solche Kooperation mit uns natürlich Sinn. Und ein Risiko hat die IBB dahingehend, dass sie ein Ausfallrisiko in Höhe des gewährten Kredits in Kauf nehmen muss, wenn ein gefördertes Projekt scheitert und den Kredit nicht zurückzahlen kann. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. 

Wisst ihr, was mit den Projekten und Unternehmen im Anschluss passiert? Haben sie eine realistische Chance auf dem Markt? Gibt es zum Beispiel Statistiken über den Erfolg oder Misserfolg durch die Vergabe von Mikrokrediten, auch in Kombination mit Crowdfunding? 

Kerstin: Bislang gibt es keine solchen Statistiken, da es sich hier um ein Pilotprojekt handelt. Solche Untersuchungen stellen wir aber sicher an, wenn mehr Erfahrungswerte vorliegen. 

 

"Durch das Feedback der Crowd können Banken das Produkt und die Nachfrage besser einschätzen. So kann auch eine langfristige Zusammenarbeit entstehen"

 

Mit Blick in die Zukunft: Siehst du einen generellen Bedeutungswandel im Bankenwesen, indem Banken das Crowdfunding mehr und mehr für sich entdecken? Die GLS-Bank hat seit letztem Jahr zum Beispiel eine eigene Crowdinvesting-Plattform. Was sind Chancen und Risiken einer solchen Entwicklung? 

Kerstin: Für Banken ist es unheimlich wichtig, sich stärker mit der Digitalisierung zu beschäftigen, die sich im Finanzbereich besonders schnell entwickelt. Und hier haben sowohl FinTechs als auch Banken erkannt, dass die Zusammenarbeit oft zu größeren Erfolgen führt. FinTechs haben das technische Know-how, Banken die nötige Reichweite, um neue Ideen zu skalieren. Im Bereich Crowdfunding ist das auch nicht anders. Hier würde ich aber zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting unterscheiden: Crowdinvesting, in Deutschland rechtlich durch Nachrangdarlehen abgebildet, unterscheidet sich per se nicht stark von klassischen Finanzprodukten, die Banken für Kleinanleger zum Sparen oder Investieren anbieten. Daher ist Crowdinvesting für Banken eher eine digitalisierte Ergänzung zum Produktportfolio. Crowdfunding dagegen spricht eine ganz andere Zielgruppe an: Es ermöglicht Projekten, die häufig abseits des Mainstreams liegen, Zugang zu neuen Finanzierungsmöglichkeiten. Durch Crowdfunding wird die Entscheidung direkt von der Zielgruppe getroffen, der Markt wird demokratisiert. Und durch das Feedback der Crowd können Banken das Produkt und die Nachfrage besser einschätzen. So kann auch eine langfristige Zusammenarbeit entstehen. 

begegnen.


Hier gibt' für euch weitere Interviews zu einzelnen Crowdfunding-Modellen: 
 

(1) Immer und immer wieder funden: Ist das der richtige Weg? [Interview mit Alexander Sängerlaub von Kater Demos]

(2)  Macht ein Crowdfunding-Abo Sinn? Wie funktioniert das? [Interview mit Katrin Rönicke vom Label hauseins]

 

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