20 März, 2018

Katrin Rönicke: "Dass ein Crowdfunding-Abo funktioniert, sieht man doch an uns"

Sind Crowdfunding-Abo-Modelle die Zukunft? Für Katrin Rönicke ist das so. Zusammen mit Susanne Klingner hat sie ihr eigenes Podcast-Label hauseins. Sie produziert mehrere Sendungen und ist die erste, die einen ihrerer Podcasts über ein sogenanntes 'Crowdfunding-Abo-Modell' finanziert. Wir fragen uns: Wie geht dat denn? Liegt hier die Zukunft des Crowdfundings?

 

Interview: Monja Remmers

 


Der eine klein (Holger Klein), die andere Rönicke: Im Gespräch mit Crowdfunding Berlin, Katrin Rönicke.
Foto: © Götz Gringmuth-Dallme

 

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Hallo Katrin, du produzierst seit Jahren eigene Podcasts. Was ist für dich ein guter Podcast?

Katrin: Ein guter Podcast ist für mich, wenn ich etwas lernen kann und nachher etwas weiß, was ich vorher noch nicht wusste. Letztendlich ist ein guter Podcast genauso bereichernd wie ein gutes Buch.

Du hast auch einen Podcast zusammen mit Holger Klein, den du wöchentlich sendest, „die Wochendämmerung“. Der Podcast erscheint jeden Freitag. Was ist der Schwerpunkt?

Katrin: Wir präsentieren jeden Freitag eine sehr subjektive Zusammenfassung der letzten Woche. Wir geben aber nicht einfach nur Inhalte wieder, das wäre ja langweilig. Wir betrachten die Dinge, die wir bemerkenswert oder auch komisch fanden; Dinge, über die wir länger nachdenken mussten. Wir wollen unterhalten. Und das versuchen wir mit ganz viel Humor und Persönlichkeit.

"Letztendlich ist ein guter Podcast genauso bereichernd wie ein gutes Buch

Podcasts boomen. Laut einer ARD/ZDF-Online-Studie 2016 hat sich die Anzahl von Podcasts-Hörern innerhalb von vier Jahren verdreifacht. Was hebt euch von den anderen ab? Was bietet ihr euren Hörern, was andere nicht haben?

Katrin: Ich finde es immer schwierig zu definieren, was andere haben oder nicht haben und was man besser macht als andere. Ich glaube, was uns ausmacht, ist unsere ganz eigene Note. Holger und ich sind sehr unterschiedlich. Wir gehen darum auch beide sehr unterschiedlich an Dinge ran, manchmal streiten wir uns auch. Ich denke, dass unsere Mischung sehr gesund ist und sich das auch in unseren Podcasts widerspiegelt. Das Feedback, das wir von unseren Hörer bekommen, ist auch sehr positiv.

Wer ist denn eure Zielgruppe?

Katrin: Beim Podcasting ist es schwierig, eine klare Zielgruppe zu definieren. Wir haben auch keine genauen Statistiken darüber, wer uns eigentlich hört. Wir sehen nur, wie viele Leute uns in etwa hören. Erst kürzlich haben wir die Downloadgrenze von 100.000 geknackt. Darüber freuen wir uns sehr. Es würde aber keinen Sinn machen, sich nur auf eine Zielgruppe festzulegen. Wir machen das einfach so, wie wir es gut finden. Es gibt in Deutschland ohnehin noch zu wenige Menschen, die Podcast hören, wenngleich die Tendenz steigt.

Wie erklärst du dir diese Tendenz und den Trend zum Podcasting?  

Katrin:  Podcasts schaffen eine andere Art der Vermittlung. Das Auditive ermöglicht andere Zugänge, man hört es mehr nebenbei und auch völlig unverkrampft: beim Putzen, in der U-Bahn, auf dem Fahrrad. Und man erschließt sich ganz neue Zielgruppen. Mit unserem zweiten Podcast ‚Lila‘ zum Beispiel, der auch über unser Label hauseins läuft, erreichen wir mittlerweile sogar ein jüngeres Publikum. Traditionell ist unser Publikum etwas älter. Hier kommt gerade viel in Bewegung.

Insgesamt laufen unter eurem Label hauseins noch drei weitere Podcasts. Kannst du von deinem Label und den Podcasts leben?

Katrin:  Von meinen Podcasts ja, von meinem Label noch nicht. Ich produziere zusätzlich ja auch noch andere Auftragspodcasts, so zum Beispiel für picks. Das Label hauseins gibt es ja auch erst seit Oktober 2017. Wir sind erst am Anfang. Aber wir sind zuversichtlich, irgendwann davon leben zu können. Unsere Freunde vom Label Viertausendhertz zum Beispiel haben das gerade geschafft: Nach nur einem Jahr ist es ihnen möglich, ordentliche Honorare für ihre freien Mitarbeiter auszahlen. Da wollen wir auch hin.

 

"Es würde für uns keinen Sinn machen, sich nur auf eine Zielgruppe festzulegen. Wir machen das einfach so, wie wir es gut finden

Ihr finanziert „Die Wochendämmerung“ seit Oktober 2017 durch ein sogenanntes Crowdfunding-Abo über die Plattform Steady. Erklär uns doch mal, wie das funktioniert. 

Katrin: Steady ist eine Crowdfunding-Plattform, die das sogenannte Crowdfunding-Abo anbietet. Die Hörer bezahlen monatlich, sie können aber jederzeit kündigen. Los geht‘s bei 2,50 Euro, die Grenze liegt bei 20 Euro im Monat. Die Provision, die wir an Steady zahlen, beträgt rund zehn Prozent. Das Besondere am Crowdfunding-Abo ist: Man fängt nicht jedes Mal von vorne an. Das Abo ist vergleichbar mit einem bei einer Zeitung und es ermöglicht Bloggern und Podcastern, einen monatlichen Betrag zu sichern. Ursprünglich kommt das Modell aus den USA. Die US-amerikanische Plattform Patreon war die erste, die auf dem Markt war. Jetzt kommen erste Plattformen in Deutschland an.

"Wir bieten ein Crowdfunding-Abo über die Plattform Steady an. Das ist völlig unbürokratisch. Los geht‘s bei 2,50 Euro, die Grenze liegt bei 20 Euro im Monat. Und darüber haben wir ein regelmäßiges Einkommen von über 3.000 Euro monatlich

Wie kamst du auf die Idee, einen Podcast wie die Wochendämmerung über ein Crowdfunding-Abo zu finanzieren?

Katrin: Eigentlich wollten wir zunächst nur einen Batzen Geld auf einer klassischen Crowdfunding-Plattform wie Startnext einsammeln. Ziel war, dass wir die Wochendämmerung ein Jahr lang am Laufen halten können. Dann habe ich durch Zufall Sebastian Esser von Steady getroffen. Er hat uns gefragt, wieso wir das nicht auf Steady machen. Und wir haben uns gefragt: Ja, wieso eigentlich nicht? 

Nach welchen Kriterien kann man auf Steady funden? Kann das jeder? Was sind die Konditionen und Bestimmungen?

Katrin: Es gibt keine festen Kriterien, jede oder jeder, die oder der möchte, kann. Man meldet sich dazu einfach bei Steady an und schon geht’s los. Wichtig ist, wie beim Crowdfunding generell, eine ansprechende Darstellung. Auch regelmäßige Updates sind sinnvoll. Und das Schöne ist zum Schluss: Man hat ein richtiges eigenes regelmäßiges Einkommen. Man erhält dazu jeden Monat eine fertige Rechnung von Steady. Wir haben mittlerweile fast 600 Unterstützer und sind ganz froh, dass wir als Unternehmen nicht jede einzelne Spende buchen müssen. Wir können das wie eine einzige Rechnung führen und steuerrechtlich problemlos abrechnen.

Auffällig ist aber, dass ein 'Crowdfunding-Abo' vor allem für die Sinn macht, die schon etabliert sind. Bislang galt das Crowdfunding eher als ein erster Markttest, ob das, was man vorhat, auch funktioniert oder angenommen wird. Der Durchschnittswert einer erfolgreichen Kampagne liegt in Deutschland auch bei ‚nur‘ 8.000 Euro. Siehst du Crowdfunding-Abo-Modelle denn als wirkliche Finanzierungsalternative in der Zukunft? 

Katrin: Ja, ich glaube, dass es eine echte Alternative sein kann oder wird. Noch stehen wir am Anfang. Dass es aber funktioniert, sieht man an uns. Ich habe bereits selber zwei Abos auf Steady abgeschlossen. Der ganze Internet-Hype um Werbung kommt ohnehin an sein Ende. Das ist alles nicht mehr so lukrativ wie noch vor ein paar Jahren. 90 Prozent der Werbeeinnahmen der digitalen Welt gehen zudem an Google oder Facebook. Was haben aber die kleinen Produzenten davon? Sie haben nichts davon. Crowdfunding-Abo-Modelle sind hier eine echte Alternative. Das Geld geht, abzüglich der Provision, direkt an die Produzenten.

Ihr bietet euren Podcast kostenfrei an. Würde es nicht Sinn machen, euren Podcast grundsätzlich kostenpflichtig für alle anzubieten? Was wären Vorteile, was Nachteile?

Katrin: Ich fang mal mit dem Nachteil an. Ein Nachteil wäre, dass uns kaum einer mehr hört, außer 500 Leute vielleicht, die es wirklich wissen wollen. Vorteile kann ich darum keine erkennen. Wir haben es zuvor ja auch schon auf anderem Wege probiert. So waren wir mit der Wochendämmerung zwei Jahre lang bei audible, hier konnte man uns aber nur hören, wenn man audible-Kunde ist und sich zusätzlich die audible-App herunterlädt. Das war sehr umständlich und frustrierend. Wir haben kaum Feedback bekommen und oft ins Leere gesendet, was für Podcaster wirklich schrecklich ist. Denn wir wollen mit unseren Hörern in Kontakt sein. Wir hatten aber kaum Hörer, nicht mal die Hälfte unserer heutigen Hörerschaft.

Aktuell habt ihr auf Steady 593 Unterstützer, die euch mit 3.116 Euro im Monat finanzieren. Reicht das, um ein Format wie die Wochendämmerung langfristig am Laufen zu halten?

Katrin: Ja, das reicht, auch wenn wir damit an Grenzen kommen. Ein paar Sachen schaffen wir nicht jede Woche, den wöchentlichen Newsletter zum Beispiel. Es ist auch wahnsinnig viel Arbeit, das muss ich betonen. Wir sind auch sehr anspruchsvoll, aber wir machen es auch wirklich gerne.

Katrin, was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade Podcasts produzierst oder für dein Label arbeitest? Beruflich wie privat?

Katrin: Ich bin tatsächlich hauptberuflich Podcasterin, schreibe aber gerade noch ein Buch nebenbei über Emanzipation für den Reclam-Verlag. Damit bin ich komplett ausgelastet. Und privat führe ich ein ganz normales Berliner Leben: Ich habe zwei Kinder, mit denen ich oft draußen bin oder ich mache mit ihnen Hausaufgaben. Und ich gehe gerne tanzen und mache Yoga.

Was wünscht du dir für die Zukunft? Wo möchtest du noch hin? Und wie sieht der Podcast der Zukunft aus?

Katrin: Ich will noch viele schöne Podcasts produzieren. Ich könnte mir vorstellen, irgendwann mal nach Irland zu gehen. Irland ist mein Lieblingsland. Von dort könnte ich dann englische Podcast produzieren und noch mehr Hörer erreichen. Solange ich aber hier bin, wünsche ich mir, dass wir ein anderes Gründerbewusstsein schaffen. In den USA geben sich die Leute und Medienunternehmen für ihre Podcasts viel mehr Mühe. Dort steckt hinter einem klassischen Podcast manchmal ein Team von 10 bis 15 Leuten. Und das hört man auch.

Ein Grund dafür, warum sich Podcasts in Deutschland langsamer entwickeln als in den USA, ist das öffentlich-rechtliche Radio. Nach Angabe der taz befinden sich unter den zehn ersten Plätzen sieben von den öffentlich-rechtlichen Angeboten, darunter das „Radio-Tatort“, einer von der britischen BBC und nur zwei von privaten Anbietern.

Katrin: Ja, sich gegen die öffentlich-rechtlichen durchzusetzen, ist schwer. In den USA ist die Situation eine andere. Hier gibt es ein richtiges Podcast-Business: Firmen schalten Werbung, Podcasts können über Werbepartner finanziert werden. Das schaffen hierzulande nur wenige. In Deutschland sind die Öffentlich-Rechtlichen finanziell im Vergleich zu den Privatpodcastern klar im Vorteil. Schon darum sind die neuen Crowdfunding-Abo-Modelle begrüßenswert. Gerade auch darum, weil es oft an einem Verständnis dafür mangelt, für gute Kultur auch Geld zu bezahlen. Wenn wir als Podcast-Label zum Beispiel Werbung schalten, kommt Kritik. Und selbst wenn wir Geld über Crowdfunding-Plattformen einnehmen, was ja völlig werbefrei ist, finden das die Leute schnell doof und meinen, wir hätten doch schon genug. Die Frage ist aber doch, wie wir von guten Ideen in der Zukunft leben können. Und es wäre doch schön, wenn es in absehbarer Zeit auch Podcasts gäbe, bei denen man genauso mitfiebert wie bei einer Serie auf Netflix. Oder?


Hier gibt' für euch weitere Interviews zu den einzelnen Crowdfunding-Modellen: 
 

(1) Immer und immer wieder funden: Ist das der richtige Weg? [Interview mit Alexander Sängerlaub von Kater Demos]

(2)  Was bringt die Kombination von Crowdfunding mit einem Mikrokredit? [Interview mit Kerstin Eisenhut von Startnext]

 

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