9 März, 2018

„Wir wollen, dass unsere Kleidung gesellschaftliche Relevanz hat“

 

Auf Augenhoehe ist das erste Modelabel für Kleinwüchsige in Deutschland und sogar weltweit. Dahinter stehen die Gründer Sema Gedik, Laura Knoops und Jan Siegel. Gerade haben die drei eine Crowdfunding-Kampagne hinter sich gebracht. Wir fragen, wie das Label ankommt und in welcher Form sich eine Crowdfunding-Kampagne für ein Vorhaben wie Auf Augenhoehe lohnt.

 

Interview: Monja Remmers
 

Foto: © Anna Spindelndreier

 

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Hallo Sema und Jan, ihr habt gerade eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext erfolgreich beendet und 13.000 Euro eingenommen. Seid ihr zufrieden?

Sema: Ja, wir sind sehr zufrieden. Nach nur wenigen Stunden hatten wir bereits 50 Unterstützer. Und schon in der zweiten Woche hatten wir 50 Prozent unserer Zielsumme erreicht. 

Jan: Es war einfach toll zu sehen, wie viel Feedback von unseren Unterstützern kam, die uns auch finanziell unterstützt haben. Wir haben sogar nach der Crowdfunding-Kampagne noch Nachfragen von Kunden und Kleinwüchsigen bekommen, die erst über die Kampagne auf uns aufmerksam geworden sind.

Was war denn euer Ziel? 

Sema: Unser Ziel war zum einen, unseren Followern, die Auf Augenhoehe von Anfang an auf unseren Social Media Kanälen folgen, zu zeigen, dass wir nach all der Recherchearbeit in den letzten Jahren nun mit dem Verkauf loslegen können. Zum anderen wollten wir eine internationale Bekanntheit über die Crowdfunding-Kampagne generieren.

Jan: Ein Ziel war auch, dass wir unsere Kosten zur Herstellung und Auslieferung der Kollektion decken können. 

Erzählt mal. Wer waren die Unterstützer? Waren das in erster Linie Betroffene, also Kleinwüchsige, oder sonstige Supporter?

Jan: Sowohl als auch. Rund 40 Prozent waren Kleinwüchsige, der Rest sonstige Supporter. Gerade aber die, die die Kollektion auch tragen können, also Kleinwüchsige, haben ordentlich Werbung für uns gemacht und auch uns auch finanziell unterstützt. Interessant zu bemerken war, dass wir die meisten Leute gar nicht kennen, die uns unterstützt haben.

 

Das Team von Auf Augenhoehe. Foto: © Auf Augenhoehe

 

Ihr seid das erste Modelabel für Kleinwüchsige in Deutschland und sogar weltweit. Wie kam die Idee auf, ein solches Label zu gründen? Und warum habt ihr euch für eine Crowdfunding-Kampagne entschieden?  

Sema: Die Idee des Modelabels ist zunächst im Kontext meiner Familie entstanden. Meine Cousine Funda ist kleinwüchsig. Und über all die Jahre musste ich erfahren, wie kompliziert es für sie ist, passende Kleidung zu finden. Zudem studiere ich Modedesign. In meinem Studium wurde mir klar, wie wichtig ein Label für Kleinwüchsige sein kann. Denn das Thema wird bislang sowohl von der Gesellschaft als auch von der Modeindustrie komplett ignoriert.

Jan: Die Crowdfunding-Kampagne war für uns wie ein Türöffner. Die Idee unseres Labels gibt es ja bereits seit fünf Jahren. Die Kampagne hat uns aber geholfen, ein klares Ziel vor Augen zu haben. Und das Risiko einer Kampagne ist ja gering: Klappt es, ist alles gut, wenn nicht, hat man zumindest keine finanziellen Verluste. Wir konnten über die Kampagne auch viele neue Erfahrungen sammeln: Wieso machen Produktbeschreibungen Sinn? Wie macht man Produktfotos? Die Crowdfunding-Kampagne war zudem ein guter Weg, unser Konzept einmal zu testen: Wie kommt das, was wir vorhaben, an? Macht es Sinn? Wie reagiert die Zielgruppe?

 

"Die Crowdfunding-Kampagne war ein Türöffner für uns und ein Weg, unser Konzept einmal zu testen: Wie kommt das, was wir vorhaben, an? Macht es Sinn? Wie reagiert die Zielgruppe?"

 

Wie hat die Zielgruppe reagiert?

Sema:  Die fand das super. Die haben gesagt: „Hey, cool. Endlich macht das mal wer und endlich werden wir in der Modeindustrie beachtet“. Es gibt bislang ja weder eine Konfektionsgrößentabelle noch entsprechende Schnittkonstruktionen für Kleinwüchsige. Auch gibt es keine entsprechenden Vorlagen, so etwa aus Büchern, an denen man sich hätte orientieren können. Darum haben wir alles selbst entwickelt. Dafür musste ich Kleinwüchsige vermessen, im Anschluss habe ich alles errechnet, optimiert und erste Konfektionsgrößen hergestellt. Wir sprechen hier auch von der häufigsten Form der Kleinwüchsigkeit, der Achondroplasie, hier sind die Proportionen noch mal ganz andere: Die Arme sind kürzer und anders geformt, der Gesäßumfang ist viel kräftiger. Unsere Zielgruppe ist mehr als glücklich, dass es jetzt erstmals ein Label gibt, das entsprechende Kleidung anbietet.

Welche Kleidung kommt jetzt auf den Markt?

Sema:  Die Kollektion für Frauen beinhaltet Cardigans, Blusen, Treggings und Strumpfhosen. Für Männer werden wir Collegejacken, Hemden, Chinos anbieten. Ein weiteres Produkt ist unser Unisex Hoodie. Die erste Kollektion basiert auf zeitlosen, detailverliebten und ambitionierten Basics und konzentriert sich auf passformgerechte Schnitte. Die Alltagstauglichkeit und die Tragbarkeit der Stücke stehen im Vordergrund. Alle Produkte bieten wir in verschiedenen Farben und Größen an.

 

 

Was könnt ihr mit dem Geld aus der Crowdfunding-Kampagne alles realisieren?

Jan: Wir können die geplante Kollektion komplett umsetzen, das ist wichtig. Das Geld geht in die Herstellung und die Auslieferung.

In eurer zweiten Fundingrunde habt ihr 35.000 Euro als Zielsumme anvisiert. Das Ziel habt ihr leider nicht erreicht. Der Durchschnittswert einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne liegt gegenwärtig bei rund 8.000 Euro. Warum ist die zweite Kampagne gescheitert? Und was lernt ihr daraus?

Jan: Gute Frage. Wir haben natürlich an unser Ziel der zweiten Kampagne geglaubt. Und wir hatten alles daran gesetzt, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben die Summe sehr hoch gesetzt, auf ca. 35.000, denn die Forschung an Schuhen hat uns sehr viel Geld gekostet. Schade, dass es mit dem zweiten Fundingziel nicht geklappt hat. Vielleicht war das zweite Fundingziel wirklich zu hoch angesetzt, gerade in Anbetracht des kurzen Zeitraums der Kampagne. Wir werden daraus lernen.

Ein Ziel war es, in den Bereich der Schuhforschung zu intensivieren. Was wolltet ihr für welche Zwecke entwickeln?

Sema: Wir wollten unser Vorhaben auf die nächste Stufe bringen: Neue Schuhe für Kleinwüchsige herstellen. Denn immer wieder haben Kleinwüchsige uns gegenüber kommuniziert, wie schwierig es für sie ist, passende Schuhe zu finden. Pumps oder schickere Schuhe finden sie oft gar nicht. Mittlerweile habe ich auch schon 200 Fußformen auf Trittscheiben abgenommen. Da wir mit dem zweiten Fundingziel uns unter andrem auf die Schuhentwicklung konzentrieren wollten. Wir halten aber weiterhin an diesem Ziel fest.

 

Die aktuelle Kollektion von Auf Augenhoehe: passgenaue Schnitte und zeitloses Design. Foto: © Laura Knoops, Arnaud Ele


Was sind eure Ziele für die Zukunft? Was wollt ihr alles erreichen und wo seht ihr Auf Augenhoehe in ein paar Jahren? 

Jan: Ganz oben auf der Agenda steht erst mal, die Bestellungen der Supporter unserer ersten Crowdfunding-Kampagne auszuliefern. Dann hoffen wir auf positives Feedback. Daraus formulieren wir die nächsten Ziele.

"Wir wollen unsere Idee der Inklusionsmode und unser Label weiter entwickeln und dadurch unsere Reichweite erhöhen. Mein persönlicher Wunsch ist es, in der Gesellschaft einen Diskurs zu ermöglichen"

Sema: Wir wollen unsere Idee der Inklusionsmode und unser Label weiter entwickeln und dadurch unsere Reichweite erhöhen. Mein persönlicher Wunsch ist es, in der Gesellschaft einen Diskurs zu ermöglichen. Und für unser Label heißt das, dass man weiß, dass bei Auf Augenhoehe die Kleidung perfekt sitzt, die Qualität super ist, ich mich wiedererkenne, die Schnitte passen, ich mich in meinen Körper einfach wohlfühle, wenn ich Kleidung von Auf Augenhoehe trage. Wir wollen ein qualitatives Label sein. Wir wollen unsere Kleidung aber nicht nur maßschneidern, wir wollen, dass sie gesellschaftliche Relevanz hat.

 

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