3 Mai, 2018

Was ist hier alles drin?

Crowdfunding, das kennt man mittlerweile: die Finanzierung eines Projekts über eine Vielzahl von Fans oder Unterstützern (Crowd). Seit bald einem Jahrzehnt ist Crowdfunding in Deutschland angekommen und als Finanzierungsform für kreative Projekte nicht mehr wegzudenken. Rund 75.000 Kampagnen wurden seit 2013 von europäischen Kreativ- und Kulturakteuren europaweit gestartet, das ergab letztes Jahr die Studie „Reshaping the crowd’s engagement in culture“. Die Erfolgsquote liegt bei über 50 Prozent. Der Durchschnittswert einer erfolgreichen Kampagne beträgt rund 8.000 Euro. Doch die Finanzierungsrunden sind meist temporär, oft nur einmalig. Seit geraumer Zeit mehren sich aber Anzeichen, Crowdfunding in langfristige oder zumindest längerfristige Finanzierungsformen zu überführen: Projekte funden mehrfach, oft auch zu den gleichen Vorhaben, sei es zur Realisierung eines Magazins oder Festivals. Und es entstehen ganz neue Formen der Finanzierung: Mikrokredite in Kombination mit Crowdfunding werden ins Leben gerufen, neue Crowdfunding-Abo-Modelle werden erprobt. Man spricht schon jetzt vom neuen Circular Funding.

Tut sich hier was? Wie sieht das Crowdfunding der Zukunft aus? In einer neuen Reihe „Kurzfristig war gestern, Crowdfunding langfristig gedacht“ lassen wir Experten zu Wort kommen und wollen wissen: Welche Modelle und Lösungswege braucht es jetzt und in der Zukunft?


In Teil 1 unserer Reihe schreibt Dennis Brüntje, Crowdfunding-Experte und Digital Business Consultant.

 

„Wir brauchen eine Kultur des Experimentierens und des Ausprobierens“

 

Von Dennis Brüntje


Foto © Dennis Brüntje



Crowdfunding hat sich in den letzten Jahren zu einer lohnenswerten Finanzierungs-, Marketing- und Vertriebsalternative für eine Vielzahl an Projekten entwickelt. Besonders für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft hat Crowdfunding gänzlich neue Möglichkeiten eröffnet. Wichtigste Wachstumstreiber zur langfristigen Verstetigung von Crowdfunding in diesem Bereich entwickeln sich teils schon seit längerem weiter: Serial-Crowdfunding, Crowdfunding-Abo-Modelle, Co-Funding und die stärkere Verzahnung von Crowdfunding und Crowdsourcing.


Aber im Einzelnen: Erfolgreiche deutsche Projekte wie das Transform-Magazin (Ausgabe 1, 2, 3, 4) oder EDITION F (Crowdinvesting, Crowdfunding) haben es vorgemacht: Durch die mehrmalige Finanzierung über Crowdfunding oder auch dem Mix mehrerer Crowdfunding-Arten können ganz unterschiedliche Vorhaben gemeinsam mit der Crowd realisiert werden. So ermöglicht Serial-Crowdfunding Projektinitiatoren wiederholte Markttests, es ermöglicht einen weiteren Vertriebskanal, gibt Planungssicherheit und trägt zur langfristigen Bindung von Fans, Lesern oder Hörern bei. Crowdfunding ist reputationsbildend und schafft im Übrigen auch Arbeitsplätze. So ist es zum Beispiel Brian Fargo, dem Schöpfer des Videospiels Wasteland, nicht nur gelungen, nach gut 25 Jahren im Jahr 2012 endlich eine Fortsetzung seines Klassikers über Kickstarter zu finanzieren. Seitdem finanziert er seine Spieleproduktionen regelmäßig über Crowdfunding und hat es geschafft, Arbeitsplätze für sein Entwicklerteam zu schaffen. Mit fig unterhält er seit 2015 auch eine eigene Crowdfunding-/investing-Plattform in den USA.


Zugegeben, wir sprechen hier über die USA. Dort gibt es keine klassische Kulturfinanzierung, sondern Mäzene, die Museen, Universitäten oder Orchester fördern und über Crowdfunding mittlerweile viele Kulturprojekte in hohen Summen finanzieren. In Deutschland mahlen die Mühlen langsamer, aber auch hierzulande tun sich neue Horizonte für Projektinitiatoren auf –sei es im Anschluss an ein erfolgreiches Crowdfunding oder als grundständige Finanzierungsoption: Musiker und Bands, Journalisten, Podcaster oder auch Sozialunternehmer sorgen mittlerweile durch Crowdfunding-Abo-Modelle auf Plattformen wie Patreon oder Steady für einen dauerhaften Einkommensstrom, wenngleich das bislang erst wenigen mit skalierbaren Zahlen gelingt. Die Crowd erhält aber schon jetzt entweder exklusiven Zugang zu Medienangeboten oder unterstützt Initiatoren mit einer Art Grundeinkommen, die sich dann vollständig auf ihr Wirken und die inhaltliche Arbeit konzentrieren können.


Aktuell ist vieles im Wandel. Das zeigt sich auch im Bereich Co-Funding durch Stiftungen, Unternehmen, Banken oder die öffentliche Hand. Hier kommen momentan ganz unterschiedliche Modelle zum Tragen: Crowdfunding-Contests werden ins Leben gerufen, wie die der Initiative kulturMut oder des Deutschen Integrationspreises der Hertie-Stiftung und bessern Projektkassen auf; sie schaffen Sichtbarkeit. Co- und Anschlussfinanzierungen durch namhafte Partner schaffen zudem ein Qualitätssignal für die Crowd. Darüber hinaus werden Mikrokredite in Kombination mit Crowdfunding für ein Mikrodarlehen initiiert, so zum Beispiel durch die L-Bank in Baden Württemberg oder ganz aktuell durch die Investitionsbank (IBB) in Berlin. Einige Mittelständische Beteiligungsgesellschaften stellen erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen zudem zusätzliches Beteiligungskapital über Crowd Buddy in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hamburg zur Verfügung.


Das Schöne am Crowdfunding ist: Zusammen mit den Unterstützern entstehen gemeinschaftliche Werke. Das hat nicht erst Dirk von Gehlens „Eine neue Version ist verfügbar“ gezeigt. Eine engere Verknüpfung von Crowdsourcing und Crowdfunding führt auch immer mehr zu einer frühphasigeren Finanzierung von Ideen oder Prototypen sowie zu einer sequenziellen Entwicklung und Finanzierung unterschiedlicher Entwicklungsschritte. Unterstützer werden, wenn gewünscht, zu Experten, Kunden, zu Multiplikatoren. Sie tragen zur erfolgreichen Projekt- und Unternehmensentwicklung bei. Was wir nun aber brauchen ist: Eine Verstetigung von Crowdfunding, und darum ein Umdenken in unserer Gesellschaft. Anstatt einer vielfach prognostizierten Kultur des Scheiterns, brauchen wir eine Kultur des Experimentierens und des Ausprobierens. Crowdfunding ist hierfür das richtige Werkzeug. Es ermöglicht das Testen und Überprüfen von Ideen, Produkten oder Projekten. Und das Feedback und die Lernkurve sind, gerade auch bei nicht erfolgreichen Kampagnen, unheimlich wertvoll für den weiteren Projektverlauf oder die Unternehmensentwicklung.

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