28 Juni, 2018

Anja Thonig: „Gründer sehen noch nicht den Benefit von Crowdfunding-Kampagnen"


 

Wie sieht das Crowdfunding der Zukunft aus? In einer neuen Reihe Kurzfristig war gestern, Crowdfunding langfristig gedacht lassen wir Experten zu Wort kommen und wollen wissen: Welche Modelle und Lösungswege braucht es jetzt und in der Zukunft?

In Teil 2 unserer Reihe schreibt Anja Thonig, Crowdfunding-Beraterin bei VisionBakery und dem Crowdfunding Campus

 

Crowdfunding-Plattformen gibt es mittlerweile eine Vielzahl. Im Durchschnitt erzielen die einzelnen erfolgreichen Kampagnen im Bereich reward-based 8.000 Euro. Leider wird nur knapp die Hälfte davon erfolgreich finanziert. Meistens sind es Projekte, aus dem kreativen oder sozialen Bereich: ein Dokumentationsfilm, die Produktion eines Musikalbums, ein Buchprojekt, eine Theaterproduktion mit Jugendlichen oder auch ein Tierwohlprojekt. Aber was ist mit den Gründern von Startups und Unternehmen? Wieso nutzen sie noch so selten reward-based Crowdfunding-Plattformen, um Geld für den ersten Schub ihres Unternehmens zu generieren? Sicher, ein Unternehmen zu gründen ist teuer, 200.000 Euro kann das schon brauchen. Dafür benötigt man entweder einen Kredit, und um solche hohen Kredite überhaupt von einer Bank zu bekommen, braucht es ein gewisses Eigenkapital, im Schnitt 25.000 Euro. Oder man nutzt equity-based Crowdfunding als Finanzierungsform. Gerade equity-based Crowdfunding hat sich aber unter Kulturakteuren nicht bewähren können. Viele Kulturprojekte können keine Rendite versprechen. Das ist für Investoren nicht interessant. Insgesamt ist das Verhältnis zwischen den kleinpreisigen Crowdfunding-Kampagnen (wie beispielsweise die oben genannten kreativen Projekte) und kostspieligeren Kampagnen zur Unternehmensgründung noch zu schwach. Und genau hier wollen wir ansetzen. Denn es braucht mehr Gründer!

Vor zwei Jahren haben wir den Crowdfunding Campus ins Leben gerufen. Der Crowdfunding Campus ist der erste und einzige zertifizierte Bildungsträger in Deutschland zum Thema Crowdfunding, Crowdsourcing und Crowdinnovation. 2017 haben wir dann eine Maßnahme entwickelt, die es Gründern ermöglicht, über Crowdfunding zu starten. Und das Beste daran: es kann zu 100 Prozent von der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter gefördert werden. Unter dem Motto „Erfolgreich gründen mit Crowdfunding“ können sich Empfänger von ALG I und II insgesamt 90 Stunden lang von unserem Team in Sachen Unternehmensgründung mit Hilfe von Crowdfunding beraten und betreuen lassen. Die ersten Maßnahmen laufen seit Anfang 2018. Crowdfunding Campus erarbeitet mit den Gründern zusammen nicht nur die Unternehmenskonzepte, sondern auch den Aufbau und die Präsentation der Kampagne, also Text, Bilder, Video. Bisher haben bereits zehn Gründer aus verschiedenen musischen und sozialwirtschaftlichen Bereichen davon Gebrauch gemacht an Standorten in Berlin, Leipzig, Dresden und Erfurt. Und das ist erst der Anfang. Wir hoffen, die Maßnahme-Möglichkeiten auf ganz Deutschland ausweiten zu können, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen und Mut zu machen, eine Gründung zu wagen. Auch Langzeitarbeitslose könnten dadurch motiviert werden. Die Erfolgsaussichten sehe ich positiv. Denn die Zusammenarbeit mit den Sacharbeitern vom Arbeitsamt funktioniert sehr gut und reibungslos.

Aber schafft das langfristig Arbeitsplätze? Fünf der von der Arbeitsagentur Vermittelten sind nun auf dem ersten Arbeitsmarkt gelandet, die anderen fünf sind noch in der Beratungsphase. Crowdfunding ist hier aber eher ein Mittel des Anschubs oder bietet einen Markttest, es ist auch eine Möglichkeit des Marketings für einen Prototypen oder ein Projekt. Und ein gescheitertes Projekt bedeutet auch nicht automatisch, dass das Projekt am Scheitern scheitert. Viele nutzen Kampagnen auch, um auszuloten, wer und wie groß die angepeilte Zielgruppe ist. Hierfür ist Crowdfunding das beste Mittel. 

 

"2017 haben wir eine Maßnahme entwickelt, die es Gründern ermöglicht, über Crowdfunding zu starten. Es kann zu 100 Prozent von der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter gefördert werden"

 

In der Zukunft sehe ich die Chance, Crowdfunding langfristig zu verstetigen, vor allem in Crowdfunding-Abo-Modellen. Hier zahlen Unterstützer beispielsweise monatlich eine bestimmte Summe, um Projekte zu finanzieren. Das gelingt schon jetzt! Das Abo-Modell sehe ich auch als Chance, sich in Zukunft ein regelmäßiges Einkommen zu sichern, wenn nur genügend Supporter mitfinanzieren. Noch klappt es erst bei wenigen. Aber es kann werden! Und grundsätzlich halte ich das Crowdfunding für eine langfristige (ergänzende) Finanzierungsmethode, wenngleich es bis jetzt nur wenig zusätzliche Arbeitsplätze schafft. Aber Beispiele wie der Filmemacher Enno Seifried verdeutlichen,  dass ein wachsendes Netzwerk von Projekt zu Projekt auch eine stetige Finanzierung ermöglicht. Im Grunde gilt: Habt Mut! Dann wird das auch langfristig was. 

Foto © Anja Thonig


Alles der Reihe nach: Hier findet ihr Teil 1 der Reihe "Kurzfristig war gestern, Crowdfunding langfristig gedacht": 


Weitere Beiträge zu neuen Crowdfunding-Modellen: 

(1)  Was bringt die Kombination von Crowdfunding mit einem Mikrokredit? [Interview mit Kerstin Eisenhut von Startnext]

(2)  Macht ein Crowdfunding-Abo Sinn? Und wie funktioniert das? [Interview mit Katrin Rönicke vom Label hauseins]

(3) Immer wieder funden: Eine gute Idee? [Interview mit Alexamder Sängerlaub von Kater Demos]

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