28 März, 2018

„Wir reden hier nicht nur über Geld“

Am 26. März fand unsere Veranstaltung zu Crowdfunding und Langfristigkeit unter dem Titel „Einmal Geld und dann nie wieder?“ im Podewil der Kulturprojekte Berlin statt. Es diskutierten 100 Gäste, Crowdfunder, Plattformbetreiber und Experten über Gegenwart und Zukunft des Crowdfundings: Wie lässt sich Crowdfunding verstetigen? Wie wird aus einer bisweilen eher temporären Finanzierungsform etwas Langfristiges? Und kann man vom Crowdfunding eines Tages leben?

 

Text: Jens Thomas 

 

Im Gespräch: Alexander Sängerlaub (l), Katrin Rönicke, Jens Thomas, Frank Joung. Foto © Florian Paninski

 

Frank Joung hat die Lacher gleich zu Beginn auf seiner Seite. Joung, sportlich, ruhiges Gemüt, aber mit Wortwitz und Feinsinn für situative Komik ausgestattet, haut auf dem Podium in den Abendstunden des 26. März im Podewil in der Kulturprojekte Berlin raus, was es rauszuhauen gilt. Das Thema: Crowdfunding. Oder besser: Wie kann man Crowdfunding langfristig denken und verstetigen? Frank Joung bietet einen Podcast über das sogenannte Crowdfunding-Abo an. Ein Crowdfunding-Abo ist, wie der Name schon verrät, ein Abo über Crowdfunding, das heißt, die 'Crowd' - Unterstützer und Fans - zahlt nicht nur einmalig, sondern regelmäßig. Joung ist freier Journalist und Podcaster, er schreibt für Spiegel Online, Krautreporter, achim-achilles.de, FIVE Magazin und andere. Ende 2016 rief er die „Halbe Katoffl“ ins Leben, eine neue Gesprächsreihe, in der er mit Deutschen spricht, die ‚nichtdeutsche‘ Wurzeln haben. Das bietet er jetzt über ein Crowdfunding-Abo an. „Halbe Katoffl“, klingt schon lustig, ist es auch. Und Joungs Losung ist so simpel wie praxisnah: Leute, macht einfach! Er macht Crowdfunding. Das ist für ihn eine Spielwiese, ein Experimentierfeld. Sein Motto: Hast du eine Idee und willst in die weite Welt, leg los. Entwickle dich mit deiner Community über Crowdfunding weiter. Geht’s in die Hose, geht’s eben in die Hose. So what. Läuft es aber gut, läuft’s unter Umständen sogar richtig gut. Und das hat man ja zumindest ein Stück weit selbst in der Hand. So beginnen oft erste Karrierewege.

Joung ist am 26. März einer von insgesamt vier Gästen auf dem Podium im Podewil, die zur Frage „Einmal Geld und dann nie wieder?“ neue Modelle des Crowdfundings diskutieren. Neben ihm nehmen Katrin Rönicke vom Label hauseins Platz, zudem Kerstin Eisenhut von der Plattform Startnext und Alexander Sängerlaub vom Polit-Magazin Kater Demos. Alle haben unterschiedlichste Zugänge, alle arbeiten auch an oder mit unterschiedlichsten Modellen, alle vertreten verschiedenste Positionen. Schnell wird klar: Das eine beste Crowdfunding-Modell gibt es nicht. Was für den einen taugt, ist für andere vielleicht völliger Mist. Katrin Rönicke, Podcasterin mit Leidenschaft und nebenbei Autorin mehrerer Bücher (zuletzt: „Sex. 100 Seiten“ bei Reclam), betreibt seit 2016 ihr eigenes Podcast-Label hauseins. Auch sie bietet ein Crowdfunding-Abo an. Mittlerweile kann sie damit sogar einen ihrer Podcasts – „die Wochendämmerung“ – zusammen mit ihrem Podcast-Kollegen Holger Klein finanzieren. Satte 3.000 Euro fahren beide monatlich über die Plattform Steady ein. Los geht‘s auf Steady bei 2,50 Euro, die Grenze liegt bei 20 Euro im Monat, das heißt, mehr kann man auch nicht geben, selbst wenn man wollte. Die Provision beträgt für Rönicke und Klein rund 10 Prozent, die an Steady abgeführt werden muss. Über 600 Unterstützer haben Rönicke und Klein mittlerweile. Und es werden jeden Tag mehr.  

Klingt nach einer Erfolgsgeschichte, aber taugt sie auch für andere? Für Alexander Sängerlaub, Chefredakteur vom Magazin Kater Demos, wäre das Crowdfunding-Abo nichts. „Wir haben unregelmäßige Erscheinungsintervalle. Da würde ein Crowdfunding-Abo keinen Sinn ergeben. Der Podcast von Katrin Rönicke kommt einmal die Woche, man gibt also monatlich einen Betrag, bekommt aber auch wöchentlich etwas zurück. Bei einem Printmagazin wie Kater Demos, das maximal zwei Mal im Jahr erscheint, wäre das Quatsch“. Sängerlaub, redegewandt und jemand „mit Visionen“, wie er sagt, fundet dafür seit zwei Jahren immer und immer wieder, immer wieder nach gleichem Muster und immer wieder über Startnext. Klingt irgendwie auch nach einem Abo, zumindest in Form der Regelmäßigkeit. Im Schnitt nimmt er damit bis zu 10.000 Euro pro Ausgabe ein. Davon kann zwar weder er noch ein weiterer Mitarbeiter leben, zumal an einer Heftproduktion manchmal bis zu 60 Leute beteiligt sind, wie er sagt. Aber Sängerlaub und Co können das Heft von dem Geld drucken und ausliefern. Der Chefredakteur macht klar: "Es wäre für uns auch schwierig zu vermitteln, warum wir nun monatlich einen Beitrag dafür haben wollen". Ohnehin würde das mit dem Crowdfunding-Abo nicht bei jedem klappen. „Es funktioniert bislang eher bei den Etablierten, so wie bei Katrin Rönicke“, unterstreicht Sängerlaub.

 

"Warum sollen wir plötzlich einen monatlichen Betrag nehmen? Das macht bei uns keinen Sinn" - Alexander Sängerlaub von Kater Demos




Auch bei Frank Joung klappt das noch nicht so, zumindest, wenn man Crowdfunding an monetären Maßstäben bemisst. Seine Summen sind recht überschaubar. Joung spricht von Beträgen von deutlich unter 200 Euro monatlich. Trotzdem macht er das, weil er vor allem Spaß an der Sache hat. Der Podcaster sagt aber auch: „Irgendwann muss schon mal was bei rumkommen, sonst landest du irgendwann im Burnout oder so“. Leichtes Gelächter geht durch den Raum. Crowdfunding-Burnout, vielleicht das nächste große Ding, die Krankenkassen werden sich freuen. Joung fügt hinzu: "Irgendwann muss man eben Summen einfahren, von denen man zumindest teilweise leben kann".
 

Kerstin Eisenhut von Startnext. Foto © Florian Paninski

 

Teilweise oder auch ganz vom Crowdfunding leben können, ja, ist das machbar? Zumindest beim dritten Modell an diesem Abend, das Kerstin Eisenhut von Startnext auf dem Podium präsentiert, geht es um weitaus höhere Summen: um 25.000 Euro pro Projekt. Seit Ende letzten Jahres vergibt die Investitionsbank Berlin, die IBB, in Kooperation mit Startnext einen Mikrokredit in Kombination mit Crowdfunding. Dazu bewirbt sich das Projekt auf der IBB-Partner-Page auf Startnext oder bei der IBB direkt. In der Bewerbung gibt man an, wie hoch das geplante Fundingziel für die Startnext-Kampagne ist und welche Summe man zusätzlich über den Mikrokredit braucht. Klingt simpel. Ist es auch. Die IBB schaut sich im Anschluss die Bewerbung an, und wenn alles passt, gibt es eine vorläufige Kreditzusage. Und im Anschluss? „Man muss die Crowdfunding-Kampagne natürlich schon erfolgreich beenden“, unterstreicht Kerstin Eisenhut, die selbst mehrere Jahre im Bankenwesen gearbeitet hat. Sie fügt hinzu: „Die Gründerin oder der Gründer muss natürlich auch eine gewisse Gewinnorientierung erkennen lassen, auch die Bank braucht ein Mindestmaß an Sicherheit. Wir raten dann auch von dem Mikrokredit ab, wenn wir merken, dass es nicht passt. Dann empfehlen wir die Kombination von Crowdfunding mit Stiftungen oder anderen Förderinstitutionen“, so Eisenhut.
 

"Wir bieten seit Ende letzten Jahres in Kooperation mit der IBB einen Mikrokredit in Kombination mit Crowdfunding an. Darüber schaffen wir eine neue Alternative" - Kerstin Eisenhut von Startnext



Also, was heißt das jetzt? Könnte sich ein Lust-und-Leidenschaft-Magazin wie Kater Demos oder eine Katrin Rönicke mit ihrem Wochen-Podcast auf einen solchen Mikrokredit bewerben? Hätten beide eine realistische Chance? Artsiom Zhavarankau, der den Mikrokredit bei der IBB betreut und selbst im Publikum sitzt, stellt klar. „Bewerben könnt ihr euch natürlich alle. Aber es muss schon eine gewisse Skalierbarkeit und auch Langfristigkeit erkennbar sein. Sonst kommt ihr erst gar nicht in die Auswahl“.

Skalierbarkeit, Langfristigkeit, gute Stichwörter. Hier nimmt die Diskussion an Fahrt auf. Vor allem Alexander Sängerlaub passt diese Sichtweise der Skalierbarkeit überhaupt nicht. „Muss alles immer skalierbar sein?“, fragt er provokativ in den Raum. „Wir haben ein völlig falsches Bild von Arbeit. Wenn wir über Arbeit reden, meinen wir ökonomisiertes Arbeiten“, moniert er sich. Karl Marx hätte an diesem Abend einen Freund gefunden. Sängerlaub selbst sieht die Arbeit bei Kater Demos als Ehrenamt an. Aber kann man das so stehen lassen? Ist journalistisches Arbeiten ein Ehrenamt? Sind dann alle Good-will-Tätigkeiten Ehrenamt, wenn man damit kein oder kaum Geld verdient? Ein Filmemacher aus dem Publikum, der seit Jahren Filme auf höchstem Niveau produziert, klingt sich mit leicht erötetem Kopf in die Diskussion ein: „Das, was ihr macht, ist Selbstausbeutung. Und genau darum mache ich kein Crowdfunding. Ich will nicht nur mich, sondern auch meine Mitarbeiter bezahlen können. Und das geht eben über Crowdfunding nicht“.

Ok, auch ein Statement. Aber was ist Crowdfunding dann? Seit Crowdfunding im Jahre 2010 mit der ersten Plattformwelle durch Startnext, Vision Bakery, MySherpas, Pling und Inkubato (die ersten beiden Plattformen existieren noch, der Rest hat den Plattformbetrieb wieder eingestellt) in Deutschland angekommen ist, ist Crowdfunding als Finanzierungsform für viele Projekte nicht mehr wegzudenken. Der Durchschnittswert einer erfolgreichen reward-based-Crowdfunding-Kampagne liegt bei rund 8.000 Euro. Damit baut man sich kein Haus. Auch schafft man in dieser Größenordnung keine Arbeitsplätze. Aber man realisiert erste Projektideen, oft ist Crowdfunding auch eine erste Anschubfinanzierung. Seit 2010 kamen in Deutschland weit mehr als 60 Millionen über deutsche Crowdfunding-Plattformen zusammen. Auch das ist nicht viel im Vergleich zum Mutterland des Crowdfundings, den USA, wo schon allein die Plattform Kickstarter mehr als 2,5 Milliarden seit Bestehen zusammengetragen hat. Aber die Erfolgsquote liegt hierzulande bei rund 60 Prozent, das ist mehr als in den USA. Immerhin. Und bei Crowdfunding handelt es sich auch nicht nur um neue Finanzierungsformen, wenn wir über Langfristigkeit reden. Es geht auch um langfristige Effekte im Sinne einer Publikumsgewinnung. Maike Gosch, die unter anderem für die Grünen im Bundestagswahlkampf 2017 im Kampagnenteam mitgearbeitet hat, leitete an diesem Nachmittag einen Workshop zu Storytelling & Community-Building. Im Mittelpunkt standen Strategien der Publikumsgewinnung und die Nutzung von Effekten über Crowdfunding: Wie baue ich mir eine Fanbase auf? Das heißt aber auch zu fragen, was mein Projekt besonders macht. Und wie fange ich auch nicht jedes Mal wieder bei null an?

Um 21:30 war dann Schluss. Crowdfunding, aus, fertig. Zumindest für diesen Abend. Aber das war nur der Auftakt. Der Markt steht nicht still, alles bleibt dynamisch und gerade die an diesem Abend diskutierten Modelle stecken noch in den Kinderschuhen. In Zukunft wird es vor allem darum gehen, Crowdfunding mit anderen Finanzierungsmodellen zu kombinieren. Die Mischung macht’s gewöhnlich. Und Crowdfunding langfristig denken heißt zwar auch realistisch bleiben, der Realität aber weiterhin mit viel Experimentiergeist zu begegnen.


Hier gibt' für euch weitere Interviews mit den Panelisten zu den einzelnen Crowdfunding-Modellen: 
 

(1) Immer und immer wieder funden: Ist das der richtige Weg? [Interview mit Alexander Sängerlaub von Kater Demos]

(2)  Was bringt die Kombination von Crowdfunding mit einem Mikrokredit? [Interview mit Kerstin Eisenhut von Startnext]

(3)  Macht ein Crowdfunding-Abo Sinn? Wie funktioniert das? [Interview mit Katrin Rönicke vom Label hauseins]

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