10 December, 2014

„Wir haben es selbst in der Hand“

Kauft kaputt was Euch kaputt macht - so oder ähnlich könnte man das Geschäftsmodell von Bonsum beschreiben, der ersten Suchmaschine für nachhaltiges Online-Shopping und „guten Konsum“ - finanziert über Crowdfunding. Was ist „guter“ Konsum? Wie lässt sich „guter“ Konsum gewährleisten? Lässt sich die Welt überhaupt über Konsum gesund kaufen? Und was hat das alles mit Crowdfunding zu tun? Fragen über Fragen, Rede und Antwort stand uns Bonsumer Frederik Betz.  

Interview: Jens Thomas

 

Sieht so Bonsum aus? So sieht Bonsum aus, Frederik Betz, erster von links, zweiter von rechts, im Gespräch mit Crowdfunding Berlin: "Die beste Waffe gegen schlechte Produkte ist der eigene Geldbeutel". Foto: © Bonsum 

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Hallo Frederik, nachdem ich auf Eurer Plattform war und Eure Shopping-Tipps über diverse Zahncremes studiert habe, habe ich einfach mal meinen Zahncremeanbieter gewechselt. Seht ihr das als Erfolg?


Hallo Jens, das freut mich, und ja, das sehen wir als Erfolg und ersten Schritt in die richtige Richtung hin zu einem nachhaltigeren Leben. Auch wir befinden uns ja gerade erst am Anfang und möchten den Weg gerne mit möglichst vielen Bonsumern gemeinsam gehen.

Was genau verbirgt sich hinter Bonsum und wie funktioniert Eure Plattform für „guten Konsum“?

Hinter Bonsum verbirgt sich der Wunsch, unser eigenes Einkaufverhalten zu ändern. Wir wissen mittlerweile, dass wir nicht mehr lange einfach so auf Kosten unserer Umwelt weitermachen können. Mittlerweile spricht sich selbst Leonardo Di’Caprio vor der UN für einen verantwortungsvolleren Umgang mit unseren Ressourcen und Mitmenschen aus. Und trotzdem fallen wir immer wieder in alte Kaufmuster zurück und kaufen unnötige Dinge, die auf Kosten der Natur oder ärmerer Menschen gehen. Hier setzen wir an: Bonsum will den Zugang zu nachhaltigen Produkten vereinfachen und Menschen zum verantwortungsvollen Einkauf inspirieren. Das schaffen wir, indem wir jeden Einkauf mit Bonets belohnen, unseren Bonuspunkten.

Wie nutzt man diese Bonets?

Zum einen lassen sich die Bonets nutzen, um sie über uns in Einkaufsgutscheine für nachhaltige Produkte einzulösen. Zum anderen kann man darüber auch einfach „Gutes“  tun, indem unsere Partner Bäume pflanzen, die man mit den Bonets bezahlt. Beides ist ein Beitrag zum „guten Konsum“.

 „Guter Konsum“, schön und gut. Wie genau ist „guter Konsum“ bei Euch definiert, auf welche Zertifizierungen greift ihr zurück und wie kontrolliert ihr die Anbieter, die von Euch empfohlen werden?

Guter Konsum definiert sich bei uns durch einen möglichst geringen Einfluss auf die Umwelt. Wir sagen: Du hast gut konsumiert, wenn du dich für eine nachhaltige Alternativen entschieden hast. Bei der Auswahl unserer Partner achten wir darum besonders auf bewährte und vertrauenswürdige Siegel, wie zum Beispiel Demeter, GOTS oder ähnliche. Wer es genau wissen will, kann in unserem Nachhaltigkeitslexikon alle wichtigen Siegel nachlesen.

Nach welchen Kriterien werden die Firmen und Unternehmen zum Schluss ausgewählt und gelistet?

Ein Shop muss mindestens 2 von 5 Kriterien erfüllen, um bei uns aufgenommen zu werden. Neben den bekannten Siegeln heißt das, dass die Produkte ethisch und fair hergestellt wurden, dass sie auch vegan sind, also keine Tiere leiden mussten. Die Produkte sollten zudem aus recycelbaren, recycelten oder ressourcenschonenden Rohstoffen hergestellt worden sein, auch die CO2-Neutralität ist uns wichtig. Diese Kriterien ermöglichen es uns, ethische Finanzanlagen, Fernbusanbieter und Fashion Shops miteinander zu vergleichen. Und jeder Kunde kann auf einen Blick erkennen, ob ein Shop seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird oder nicht.

Eine auf Alternativprodukte ausgerichtete Ökonomie basiert oftmals auf Verzicht – Dinge werden wiederverwertet wie beim Up- oder Recycling oder getauscht, geteilt, verschenkt. Ihr wollt bewusst nicht auf Verzicht setzen. Warum?

 


Natürlich halten wir Up- und Recycling für gute Wege, die wir auch unterstützen. Aber immer nur verzichten geht eben nicht. Zum einen machen das die Menschen nicht mit. Die Mehrheit will konsumieren und kaufen. Darum wollen wir sie dazu ermutigen, Dinge zu kaufen, die gut für Mensch und Umwelt sind. Zudem basiert unsere Ökonomie noch immer auf Wachstum. Das kann man nicht einfach so ignorieren. Darum sagen wir, dass man in gute Produkte investieren sollte. Nur so kann ein Nachhaltigkeitsmarkt entstehen, der sich mittel- bis langfristig auch ökonomisch trägt.

Der Absatzmarkt von Nachhaltigkeitsprodukten kann aber immer dann an Grenzen stoßen, wenn Produkte zum einen weiterhin vergleichsweise teuer sind, zum anderen die Gefahr droht, dass ethische Marktprinzipien aufgrund gestiegener Nachfrage nicht eingehalten werden können. Wie geht man mit diesen Risiken um?

Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der die Nachfrage das Angebot bestimmt. Je mehr Menschen also nachhaltige Produkte kaufen, desto größer wird auch das nachhaltige Angebot und desto schneller sinken die Preise für diese Produkte - zumindest in einem gewissen Rahmen. Bei Bio-Lebensmitteln konnte man das in den letzten Jahren schon gut beobachten. Ich denke, wir sind hier schon auf einem guten Weg. Letztendlich haben wir alles selbst in der Hand.

Leider zieht der Bio-, Fairtrade- und Nachhaltigkeits-Boom aufgrund der gestiegenen Nachfrage immer auch schwarze Schafe im grünen Bereich an; Firmen machen auf grün, halten sich aber nicht an die Spielregeln, Stichwort Greenwashing.

Ja, und dagegen muss man auch entschieden vorgehen! Dank strenger Kontrollen der Siegelanbieter, der sozialen Medien und immer stärker sensibilisierten Konsumenten fliegen solche Fälle heute auch immer schneller auf. Wir sehen viel häufiger als früher, dass Konsumenten Marken für unethisches Verhalten bestrafen. Erst kürzlich hat in Dresden eine Primark Filiale ihre Eröffnung gefeiert, zu der kaum ein Kunde kam. Die beste Waffe gegen schwarze Schafe ist nach wie vor Wachsamkeit und der eigene Geldbeutel.

Der Fairtade-Markt wächst rasant – inzwischen gibt es laut Fairtrade Deutschland in 125 Konsumenten-Ländern Fairtrade-Produkte. Deutschland konnte seine Marktposition mittlerweile auf Platz zwei hinter dem Fairtrade-Marktführer Großbritannien ausbauen mit Rekordabsätzen in Höhe von 650 Millionen Euro und einem Jahreswachstum von 23 Prozent. Weltweit kauften Verbraucherinnen und Verbraucher im Jahr 2012 für 5,5 Milliarden Euro Fairtrade-zertifizierte Produkte ein. Im Vergleich zum Jahr davor bedeutet das einen weiteren Anstieg von rund 500 Millionen Euro (Wachstumsrate 15 Prozent). Auf der anderen Seite dominieren weiterhin Billigprodukte und eine Wegwerfindustrie. Wie erklärt ihr Euch diesen Dissens und wie müsste man gegensteuern?  

Im vergangenen Jahrhundert haben Industrialisierung und technische Innovationen zu ständig effizienteren Produktionswegen geführt. Wir konnten immer mehr für immer weniger Geld produzieren. Unser Lebensstandard hat sich dadurch stetig verbessert, das ist ja im Grunde auch gut so. Ein ökologisches Bewusstsein entsteht nämlich erst, wenn unsere eigenen Grundbedürfnisse gesichert sind. Und auch wenn Wegwerfprodukte und Billigwaren den Markt noch dominieren, zeigen Marktanalysen eine stetig wachsende Nachfrage nach nachhaltigen und Fairtrade-Produkten. 2020 werden aller Voraussicht nach 65 Prozent der Deutschen vermehrt Wert auf nachhaltig produzierte Produkte legen. Derzeit liegt diese Zahl bereits bei 35 Prozent.

Lasst uns über Euer Business-Modell reden: Ihr habt Bosmum in erster Runde über ein Crowdfunding auf Startnext finanziert. Euer Ziel von 7.500 Euro habt ihr bereits erreicht. Was hat Euch zum Crowdfunding bewegt? Warum habt ihr Euch für Startnext entschieden?

Unsere Crowdfunding-Kampagne dient neben der Beschaffung finanzieller Mittel vor allem als Test für eine möglicherweise folgende Crowdinvesting-Kampagne. Das wäre nämlich der nächste Schritt, dass wir Investoren finden, die in das Projekt einsteigen und investieren. Gerade für nachhaltige und soziale Geschäftsmodelle scheint das sinnvoll. Denn zum einen sind die Summen im Bereich reward based Crowdfunding einfach zu noch gering, wir wollen mehr Kapital einwerben und da eignet sich das Crowdinvesting besser. Hier sind leicht Summen von über 200.000 Euro möglich. Zudem beobachten wir, dass es zunehmend Investoren mit sozialer Verantwortung gibt. Die könnten wir über eine Crowdinvesting-Kampagne erreichen. Und für Startnext haben wir uns entschieden, weil es sich einfach natürlich anfühlte. Immer mehr Projekte auf Startnext haben einen social impact und finden viele Unterstützer. Zusätzlich hat uns der Fokus auf Dankeschön basierte Kampagnen in unserer Entscheidung bestärkt.

Was ist für Euch das Besondere am Crowdfunding, auch bezogen auf das Thema Nachhaltigkeit und Konsum?

Crowdfunding ist ein unglaublich spannender Weg, um Kapital einzuwerben und potentielle Nutzer und Unterstützer für die eigene Sache zu finden. Allerdings haben wir das Gefühl, dass wir uns nach der Insolvenz von Goodz, einem von der Crowd finanzierten Online-Shop für nachhaltige Design-Produkte, gerade auf verbrannter Erde bewegen. Wenn Unterstützer einmal enttäuscht wurden, wie das im Fall Goodz der Fall war, herrscht bei nachfolgenden Projekten erst einmal Skepsis. Das macht die Arbeit nicht gerade einfacher.

Eure Kampagne ist auch Teil des Social Impact Finance, ein Crowdfunding-Stipendienprogramm für Social Entrepreneurs der Social Impact gGmbH, gefördert von der Deutschen Bank Stiftung in Kooperation mit Startnext. Die Deutsche Bank steht immer wieder in der Kritik, gegen eigene Ethikregeln zu verstoßen. Stört Euch das nicht?

Natürlich wäre es uns lieber, keine Negativschlagzeilen über die Deutsche Bank vernehmen zu müssen, aber mit Hilfe der Deutschen Bank Stiftung sind in den letzten Jahren aus der Social Impact gGmbH viele tolle soziale Projekte und Unternehmen entstanden. Auch wir sind derzeit Stipendiaten des Social Impact Start Programms, einem Accelerator für Sozialunternehmer, aus dem sich auch die Förderung durch Social Impact Finance ergibt. Zu den Unterstützern gehören übrigens auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sowie SAP. Das sind alles wirklich hilfreiche Kontakte, wenn es darum geht, ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen. Es ist ja auch gut, Geld für eine gute Sache auszugeben, so steht das Geld immerhin unethischen Verwendungszwecken nicht mehr zur Verfügung.

Beim Crowdfunding kommen Unterstützer häufig aus den eigenen Reihen oder dem unmittelbaren Umfeld. Ist es Euer Ziel, vor allem die zu erreichen, die bislang noch keinen Zugang zum Nachhaltigkeits-Markt haben?

Wir wollen in erster Line die erreichen, denen Nachhaltigkeit genauso wichtig ist wie uns und die regelmäßig erleben, wie nervig es sein kann, wirklich nachhaltige Anbieter im Internet zu finden. Natürlich kommen auch einige unserer Unterstützer aus dem engeren Umfeld - Freunde, Familie und Kollegen, auch die sind supergute Multiplikatoren. Unsere Unterstützer sind oft auch Menschen mit einem ausgeprägten sozialen und ökologischen Bewusstsein, denen die Umwelt am Herzen liegt. Bisher haben wir uns bei der Verbreitung unserer Idee stark auf soziale Medien und Blogger konzentriert. Die Strategie geht bisher auch gut auf.

Frederik, wie geht es mit Bonsum nach der Kampagne weiter?

Nach einer erfolgreichen Kampagne haben wir noch viel vor. Wir wollen uns weiterhin auf die Optimierung unserer Seite, neue Partnerschaften und die Verbreitung unserer Idee konzentrieren. Bisher konnten wir zwar ohne größere Marketingausgaben schon viele Kunden gewinnen, aber wir sind erst am Anfang unserer Reise. 

Frederik, danke für das Gespräch und viel Erfolg

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