10 November, 2020

Bitte nicht einfach ins Blaue produzieren!

Anhaltende Dürrephasen, permanente Trockenheit. Wir werden in Zukunft mit Wasserknappheit leben müssen. Das Berliner Modelabel kind of blau hat dieses Problem erkannt und gleich mal eine Klamotte draus gemacht: Es ist das erste wassereinsparende Modelabel - finanziert wurden die ersten Kollektionen über Crowdfunding. Wir sprachen mit Gründer Ali Azimi über die Produktion und eine Zukunft ohne Verschleiß, über die Finanzierung einer guten Sache und warum man sich auf Crowdfunding einfach nicht verlassen sollte. 
 

Interview: Alina Mack

Foto: Jonas Nellissen

Foto: Jonas Nellissen


Hallo Ali, wir kennen euch noch unter dem Namen Blue Ben. Aus welchem Grund habt ihr euch in kind of blau umbenannt?

Ali:Wir hatten rechtliche Probleme. Den Namen Blue Ben gab es schon. Um dem aus dem Weg zu gehen, haben wir uns in kind of blau umbenannt.

Für alle, die euch noch nicht kennen: Wer seid ihr und was ist kind of blau?

Ali:Wir stellen wassereinsparende Mode her. Das heißt wir achten auf den Wasserfußabdruck in der Textilindustrie, die einen enormen Wasserverbrauch hat. Hier versuchen wir Lösungen zu finden. Unsere Kleidung wird so gut es geht wassersparend produziert - von der Faser bis zum Endprodukt. Ich würde sagen, dass uns drei Sachen besonders auszeichnen. Erstens: Der transparente Wasserverbrauch aller Produktionsschritte. Zweitens: Unsere Produktion mit Fasern findet ausschließlich in Europa statt. Und drittens produzieren wir fast alle unsere Stoffe selbst. Unser Label stellt Sweater her, die 90 Prozent weniger Wasser verbrauchen als ein konventionell hergestellter Baumwoll-Sweater. Darüber hinaus gehen fünf Prozent von jedem verkauften Teil an die Bangladesch-Wasserprojekte, die wir mit unserer eigenen NGO gegründet haben.

Du sprichst das Wasserproblem der Textilbranche an. Wo liegt das Problem genau? Und warum hat die Modeindustrie das Wasserproblem über Jahre ignoriert?

Unser Ziel ist es, Wasser bei der Produktion einzusparen. Denn der Anbau von Baumwolle verbraucht Unmengen davon, die an anderen Stellen viel nötiger wären. Knapp 40 Prozent der Weltbevölkerung leidet schon jetzt unter Wasserknappheit

Ali: Das Problem ist, dass das Thema Wasser bei vielen einfach nicht auf dem Radar ist. Wasser ist eine Ressource, zu der man, zumindest hierzulande, Zugang hat. Man glaubt, sie sei in unbegrenztem Ausmaß vorhanden. Was mit dem Abwasser aber passiert, wie lange das gut gehen kann, interessiert die meisten wenig. Drei Sachen sind aber wichtig: Erstens ist bekannt, dass 17 bis 20 Prozent der industriellen Wasserverschmutzung durch Textilproduktion verursacht wird, und das muss man dringend ändern. Zweitens gelangen durch die Färbeprozesse hormonverändernde Chemikalien, Farbstoffe und Reinigungslösungen in das Abwasser, schon aus diesem Grund muss die Wasserverwendung stärker kontrolliert werden. Drittens benötigt der Anbau von Baumwolle Unmengen an Wasser, die an anderen Stellen viel nötiger wären, denn knapp 40 Prozent der Weltbevölkerung leidet schon jetzt unter Wasserknappheit, was sich durch die anhaltenden Dürrephasen wohl kaum verbessern wird. Hinzu kommt das Problem des Mikroplastiks, welches durch synthetische Stoffe in das Abwasser und dann in die Weltmeere gelangt. Sowohl in Produktionsländern in Fernost als auch bei uns in Europa wurde das Problem einfach nicht wahrgenommen. Jetzt betrifft es uns alle. In Deutschland spüren wir das noch nicht, aber wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung. Ich will hier keinem einen Vorwurf machen. Aber wer das Problem jetzt noch umgeht, hat die Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt.

Vor Ort: Foto: Benedikt Fuhrmann, Jonas Nellissen

Kannst du mal erklären, wie genau so eine Produktion bei kind of blau abläuft? Wer ist beteiligt? Wie wird produziert? Welche Kriterien gelten?

Ali:Zunächst mal gehen wir gar nicht vom Design aus. Wir überlegen uns, welche Fasern nutzen wir und was können wir daraus machen. Zentrale Frage ist: Wie viel Wasser und welche ökologischen Auswirkungen bringen diese Fasern mit sich? Buchenholz beispielsweise kann gut und nachhaltig verarbeitet werden. Im nächsten Schritt schauen wir dann, wo wir Partner finden können, die die Fasern verarbeiten. Uns ist es vor allem wichtig, vor Ort gewesen zu sein und die Produktionen sowie ihre Betreiber zu kennen. So haben wir vor drei Jahren die ersten Partner in Österreich und Portugal (Tintex Textiles) akquiriert. Bio-Baumwolle auf einem nachhaltigen Niveau ist weltweit aber Mangelware. Vieles wird noch in Brasilien oder Indien produziert, was uns viel zu weit weg ist. Wir haben dann einen Baumwollhersteller in Griechenland gefunden, der ein nachhaltiges Konzept verfolgt, bewässert wird dort beispielsweise per Tröpfchenbewässerung. Leider ist eine solche Produktion immer ein hoher Kostenfaktor. Der Nachteil an unseren Prozessen ist, dass alles sehr lange dauert. In einer schnelllebigen Modebranche ist das nicht immer leicht.

Kind of blau im Austausch über Material und Design. Foto: Benedikt Fuhrmann, Jonas Nellissen

Ihr habt die erste Kollektion über Crowdfunding finanziert. Warum habt ihr euch für Crowdfunding entschieden?

Ali: Weil Crowdfunding eine gute Sache ist. Wir, also meine Frau und ich, haben zuvor insgesamt schon acht weitere Projekte darüber finanziert. Wir hatten also schon Erfahrung. Und für Crowdfunding haben wir uns entschieden, weil unsere Ersparnisse ausgingen und wir niemanden hatten, der uns Geld leihen konnte. Am Anfang war ich noch komplett alleine. In den ersten eineinhalb Jahren habe ich knapp 2.000 Euro investiert. Das reichte natürlich nicht. Crowdfunding erschien hier sinnvoll. Außerdem war das eine Art Test für uns, ob die Welt ein solches Modelabel braucht und wie unsere Erfolgschancen stehen. Auch wollten wir bisherige Modestandards neu denken und neu definieren. Bei uns stehen die Konsequenzen für den Menschen und die Natur im Vordergrund, das hat erste Priorität, der finanzielle Erfolg ist zweitrangig. Crowdfunding ist hier Mittel zum Zweck: Wir müssen keinen kommerziellen Investor einschalten. Wir haben alles selbst in der Hand. Wir mobilisieren für ein gutes Thema und es springt auch noch Geld dabei heraus.

Ihr hattet 2018 ein erstes erfolgreiches Crowdfunding-Projekt bei Startnext und habt über 34.000 Euro eingenommen. Was konntet ihr mit den finanziellen Mitteln alles erreichen?

Ali:Wir haben damit ausschließlich die Entwicklung und Produktion der ersten Sweater finanziert. Es sind Pullover in vier Farben geworden, für die wir erstmal die Stoffentwicklung und Herstellung zahlen mussten. Danach konnten wir die Produkte in Auftrag geben. Mode ist leider ein sehr kostspieliges Geschäft und man muss immer stark in Vorleistung gehen.

Produktionsstätte von kind of blau. Foto: Benedikt Fuhrmann, Jonas Nellissen

Wenn ihr ein paar Jahre zurückblickt. Würdet ihr euch nochmal für diese Art von Finanzierung entscheiden? Welche Vor- und Nachteile hat Crowdfunding?

Wir versuchen die Kollektionen über Crowdfunding zu finanzieren. In so einer Kampagne steckt aber sehr viel Arbeit darin, da man eine Art Kommunikationsplan braucht. Und ohne Plan kein Erfolg

Ali: Ich würde mich immer wieder für ein Crowdfunding entscheiden. Es hat neben dem finanziellen Aspekt auch viele weitere Nutzen: Es ist eine Art Marktforschung in eigener Sache. Es ist das Testen einer Idee. Es steckt aber sehr viel Arbeit darin, da man eine Art Kommunikationsplan braucht. Ohne Plan kein Erfolg. Leider muss man aber auch sagen: Vielen bleibt heute keine andere Möglichkeit, als sich für Crowdfunding zu entscheiden. Es gibt ja kaum andere Zugänge zu Kapital. Und Förderungen bekommt man gerade dann nicht, wenn man noch am Anfang steht, also gerade in einer Phase, wenn man Geld braucht. Kredite sind sowieso meist nichts für kleine, risikobehaftete Unternehmen, die muss man nämlich zurückzahlen. Kurzum: Es gibt nicht allzu viele Optionen. Crowdfunding ist eine der wenigen guten davon.

Gibt es Projekte, denen ihr abraten würdet, ein Crowdfunding-Projekt zu starten?

Ali: Prinzipiell: nein. Es ist einfach ein aufregendes Erlebnis, aus dem man vieles lernt. Und Fehler passieren immer, daraus lernt man. Ich würde jedem aber empfehlen, immer etwas zu machen, wovon andere etwas haben, was ein Problem löst, wozu es auch noch nichts gibt. Der Innovationsfaktor ist beim Crowdfunding entscheidend. Ansonsten gibt es leider keine Erfolgsformel, die man anwenden könnte. Ein Rat vielleicht noch: Verlasst euch niemals auf Crowdfunding. Es ist immer hilfreich, mehrere Möglichkeiten der Finanzierung parallel in Erwägung zu ziehen. Außerdem würde ich eher klein anfangen, als sich zu schnell, zu große Ziele zu setzen.

Eure Kampagnge war sehr erfolgreich. Das Fundingziel lag bei 25.000 Euro, zum Schluss waren es über 34.000 Euro. Wie mobilisiert man die Masse im Netz?

Ali:Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ohne ein Netzwerk geht es nicht. Ehrlich gesagt habe ich schon zwei Jahre zuvor begonnen, mir ein Netzwerk aufzubauen. Meine Frau hatte auch schon eins in Berlin. Wir waren insgesamt acht Leute im Team, die freiwillig mitgeholfen haben und ihre Netzwerke aktivieren konnten. Allein schafft man das nicht. Hinzu kam eine Menge Presse- und Social-Media-Arbeit. Letztlich gibt es zwei Phasen, die einem zeigen, ob das Crowdfunding-Projekt angenommen wird: Die erste Phase ist die Startphase. Hier geht es darum, Interesse zu wecken. Entscheidend ist aber die zweite Phase. Hier geht es um die Finanzierung. Gerade gegen Ende unterstützen viele das Projekt. Es kann also sein, dass es in den letzten Tagen noch mal explosionsartig nach oben geht. Bei uns passierte das die letzten beiden Wochen. In der mittleren Phase passiert in der Regel nicht viel. Da hatten wir über sieben, acht Tage keine einzige Bestellung, was sehr ernüchternd war. Diese Zeit darf einen aber nicht demotivieren.

Zum Schluss noch mal das Thema Wasser. ARD-Wetterexperte Sven Plöger hat gerade ein Buch dazu geschrieben: „Zieht euch warm an, es wird heiß!“. Ein Buch über die künftige Wasserknappheit. Wäre es nicht toll, wenn Sven Plöger eure Klamotten künftig zur Anmoderation trägt?

Ali: Na das wäre unglaublich. Für das Klima wäre es zwar am besten, er würde nackt moderieren, da das in der ARD aber vermutlich nicht geht, kann er gerne unsere Klamotten tragen. Wir stehen jederzeit zur Verfügung liebes ARD-Team.

Mehr

Weitere News

26 November

Anja Thonig: "Erst mal durchkalkulieren"

Die gesamte Veranstaltungsbranche hat durch Corona ein Problem: Keine Konzerte, keine Messen, keine prall gefüllten Hallen – keine Kohle. Können ...

More
9 Oktober

I don't see what you are seeing

How do blind people take pictures? How do they use analog and digital photography? And how does society deal with ...

More
22 Oktober

Marcus Fitzgerald: "Sogar meine Eltern haben in mich investiert"

Marcus Fitzgerald arbeitet seit 15 Jahren in der Musikbranche, zehn Jahre lang war er Festivalveranstalter, Künstlerberater und Manager und hat Acts ...

More
Back to top top